Jana's
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Geschichten:
Der Hinterhalt
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Ein gelungener Auftritt
eine Satyr Drago
High Tea
ein Sluagh Treffen
Im Park
ein Pooka Dialog
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Das letzte Abenteuer
Die leblosen
Glasaugen der Puppen, die in jedem Winkel ihrer kleinen Wohnung
saßen oder standen, schienen sie vorwurfsvoll und anklagend anzusehen
und erinnerten Konny an all die Dinge, die sie verloren und die
Kinder, die sie nie gehabt hatte. Sie wußte, sie hätte nicht trinken
sollen, denn die Erinnerungen, die dann in ihr aufstiegen, stimmten
sie jedes Mal wehmütig und erfüllten sie mit Schmerz. Aber die Einsamkeit
war sonst bisweilen kaum erträglich. Normalerweise gelang es ihr
sonst meist, die Vergangenheit zu verdrängen und häufig kam es ihr
so vor, als wäre die lebenslustige Bardin von damals eine ganz andere
Frau gewesen. Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Glas griff,
was auf dem Tisch stand.
Fast jede dieser Puppen erzählte eine kleine Geschichte aus glücklicheren
Zeiten. Für einen Augenblick spielte ein bedauerndes Lächeln um
Konnys Lippen, als sie an frühere Abenteuer dachte. Ja, damals hatte
sie einfach nur in den Tag hinein gelebt und sich oft in Schwierigkeiten
gebracht, aus denen sie sich häufig nur noch im allerletzten Augenblick
hatte rechtzeitig "wegblinzeln" können, was ja glücklicherweise
das Geburtsrecht aller Clurichauns war! Das Grammophon spielte nun
eine alte irische Weise. Konny stöhnte gequält und preßte die Hände
auf ihre Ohren. Oh nein, bitte nicht dieses Lied! Es war Kilians
und ihr Lied gewesen. Bei diesem Lied hatten sie einander die Liebe
geschworen und nur eine Nacht später... Ungebeten schob sich ein
rundliches jungenhaftes Gesicht voller Sommersprossen und mit funkelnden
grünen Augen vor ihr inneres Auge.
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| *** |
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Mit einmal riß
ein Klopfen an der Fensterscheibe Konny aus ihren Erinnerungen.
Sie fuhr erschrocken zusammen und griff reflexhaft an ihre Hüfte,
wo sie in früheren Tagen ein Schwert getragen hatte. Dies war das
achte Stockwerk eines Hochhauses - niemand konnte hier ans Fenster
klopfen!
Auf dem Fensterbrett saß eine Taube. Konny erkannte, daß sie eine
kleine metallene Kapsel am Bein trug. Erstaunt öffnete sie das Fenster
und nahm der Taube mit zittrigen Fingern ihre Botschaft ab. "Warte
ich hole Dir ein paar Brotkrümel", murmelte sie, doch die Taube
war bereits wieder davongeflogen, als sie zurückkehrte. Mühsam entfaltete
Konny den kleinen Zettel. Die winzigen Buchstaben schienen vor ihren
Augen zu verschwimmen und sie mußte sich sehr anstrengen, das Geschriebene
zu entziffern.
"Deine Suche endet in der Höhle des Löwen, wo Du noch einmal Deinen
eigenen Ängsten gegenübertreten mußt", stand dort. Sie murmelte
den Satz mehrmals verständnislos vor sich hin, bis ihr seine Bedeutung
dämmerte. Dann mußte sie sich erst einmal setzen.
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| *** |
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Als Paul die
Augen irgendwann wieder öffnete und vorsichtig über den Rand des
Schlittens blinzelte, wurde ihm ein wenig schwindlig. Sie flogen!
Aber die Landschaft, die unter ihnen lag, war dem Jungen völlig
unbekannt. Eine weiße Schneedecke überzog eine eintönige flache
Eiswüste. Unter ihnen bewegte sich etwas. Paul beugte sich noch
ein Stück nach vorne. Ein Eisbär! Aber bevor er darüber staunen
konnte, waren sie schon weitergeflogen. Seine Gedanken bewegten
sich träge. Wo befand er sich? Dann kam ihm eine Idee, auch wenn
sie ihm so abwegig erschien, daß er sie laut vor sich hinmurmelte:
"Am Nordpol... wir sind am Nordpol. Dort wohnt der Weihnachtsmann...."
"Ganz richtig. Du bist ein schlauer kleiner Bursche, aber ein wenig
vorwitzig... Nun ja, das wird sich ändern..." Der falsche Weihnachtsmann
lachte heiser und Paul überlief ein Schauder. "Gleich sind wir da,
Kleiner, und dann wirst Du sehen, was noch kein anderer kleiner
Junge vor Dir gesehen hat - genieße es, so lange Du kannst..." Das
rauhe Lachen hatte sich nun in ein gehässiges Kichern verwandelt.
Kurze Zeit später landeten sie ziemlich unsanft. Ihr Entführer fluchte
wieder und schlug mit seiner Peitsche nach den armen Rentieren.
Mit noch etwas wackligen Beinen verließ Paul den Schlitten, wobei
er über seine Fesseln stolperte und der Länge nach hinfiel. Ihm
wurde mit einem Tritt wieder auf die Beine geholfen. Staunend betrachtete
Paul die Ansammlung bunter Gebäude vor ihm, die ein wenig wirkten
wie aus Zuckerguß oder wie große bunt verpackte Geschenke. Aber
etwas an diesem idyllischen Bild stimmte nicht... Aus den Schornsteinen
drang dicker schwarzer Rauch und ein seltsames dumpfes Stampfen
und metallisches Scheppern war zu vernehmen, wie der Herzschlag
eines riesigen furchteinflößenden Wesens. Es erinnerte Paul an...
verzweifelt versuchte er den Nebel aus seinen Gedanken zu verdrängen.
Dann hatte er den richtigen Gedanken: Ja, es erinnerte ihn an eine
Fabrik! "Genug geglotzt..." riß ihn die ungeduldige Stimme des Entführers
aus seinen Gedanken und er wurde grob vorwärts gestoßen.
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| *** |
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Paul wußte nicht,
wie lange er bereits in dem kleine Verschlag ausgeharrt und versucht
hatte, sich zu entscheiden, was dies alles zu bedeuten hatte, als
seine Mitgefangene endlich wieder zu Bewußtsein kam. Er hatte damit
gerechnet, daß sie anfangen würde, zu jammern und zu weinen, doch
erstaunlicherweise blieb sie sehr ruhig. Nachdem sie ihn mit einem
abschätzigen Blick gemustert hatte, fragte sie ihn erstaunt: "Weshalb
hat man Dich denn gefangen genommen? Ich schätze für Dich wird man
kaum ein hohes Lösegeld bekommen..." Sie runzelte die Stirn. "Ich
werde mich wohl sowieso über diese Unterbringung beschweren... Wenigstens
ein Einzelzimmer hätten sie mir schon geben können!" Paul fiel nun
beinahe der Unterkiefer herunter: "Glaubst Du etwa, daß dies alles
nur ein Spiel ist?" fragte er erstickt. Sie betrachtete ihn erstaunt.
"Das ist wohl Deine erste Entführung..." meinte sie herablassend.
Als wäre das ihre einzige Sorge, fuhr sie sich dann mit den Fingern
durch ihre vollen blonden Locken: "Ich muß fürchterlich aussehen..."
stöhnte sie. "Meine Eltern wären sicherlich entsetzt, wenn sie mich
so sehen würden". "Weißt Du, weshalb man Dich entführt hat?" wagte
Paul zaghaft einzuwerfen. Sie zuckte geziert mit den Schultern.
"Immerhin bin ich die Tochter eines Barons" sagte sie hochnäsig.
"Es gibt sicherlich viele Leute, die sich etwas von meiner Entführung
erhoffen. Aber meine Eltern werden bestimmt nicht auf ihre Forderungen
eingehen, wenn ich so schlecht behandelt werde". "Wir müssen versuchen
zu fliehen..." meinte Paul. "Aber weshalb denn?" fragte Ailein.
"Bestimmt sind meine Eltern bereits unterwegs, um mich zu suchen".
"Wissen sie denn, wo Du bist?" fragte Paul. "Wie kamst Du überhaupt
in diese Gegend?" Für einen Augenblick geriet die Selbstsicherheit
des Mädchens ein wenig ins Wanken. "Ich war mit meiner Schwester
in der Stadt - und bin ihr weggelaufen", gab sie kleinlaut zu und
schob die Unterlippe schmollend ein wenig vor "Immerzu verbieten
sie einem alles. Nichts darf ich alleine machen, ständig sind irgendwelche
Wächter oder Bediensteten um mich herum. Ich darf mich ja noch nicht
einmal alleine anziehen..." Dann schien ihr bewußt zu werden, was
sie Paul soeben anvertraut hatte und sie warf ihm einen so bösen
Blick zu, als habe er sie zu diesem Geständnis gezwungen. "Außerdem
geht Dich das überhaupt nichts an", endete sie abrupt und wandte
ihm dann demonstrativ ihren Rücken zu und sprach danach kein Wort
mehr. Die nächsten Stunden vergingen schweigend.
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| *** |
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Wie lange hatte
sie die Suche schon aufgegeben gehabt - und nun das! Sie sah sich
wieder selbst, wie sie damals, sechs Jahre alt, ihre Nase an dem
Schaufenster des Spielwarengeschäftes platt drückte. Dort hatte
eigentlich alles angefangen. Mit Tamara. Sie sah die feinen porzellanen
Züge der Puppe, die so lebensecht wirkten, noch immer so deutlich
vor sich, als wäre es erst gestern gewesen! Eigentlich war es Tamara
gewesen, nach der sie all die Jahre, in denen sich Puppen über Puppen
in ihren vier Wänden anhäuften, immer gesucht hatte. Nur wenn sie
Tamara fand, würde vielleicht alles wieder werden wie früher. Wenn
sie diese Puppe besaß, konnte sie vielleicht auch wieder das fröhliche,
unschuldige kleine Mädchen sein, daß sie damals gewesen war! Sie
erinnerte sich noch deutlich, wie sie damals jeden Pfennig für die
teure Puppe beiseite gelegt hatte. Endlich hatte sie das Geld zusammengespart,
doch als sie dann stolz und voll freudiger Erwartung mit ihrem Sparschwein
zum Spielzeugladen marschiert war - war Tamara verschwunden! Welch
grausames Schicksal... Wenn sie sich zurückerinnerte, spürte sie
wieder genau die gleiche kindliche Enttäuschung, die ihr damals
die Tränen in die Augen getrieben hatte. Jahrelang hatte sie später
nach dem Verbleiben von Tamara geforscht, aber alle Spuren, die
sie verfolgt hatte, hatten sich schließlich als falsche Fährten
herausgestellt. Und nun diese Nachricht! Sie las den einzigen Satz
der auf dem Papierfetzen stand noch einmal.
Dieses Mal stiegen andere unerwünschtere Erinnerungen in ihr auf:
Erinnerungen an den schicksalhaften Tag, der damals ihr ganzes Leben
verändert hatte und seit welchem sie angefangen hatte, sich immer
mehr zurückzuziehen, bis sie zum Schluß kaum noch ihre kleine Wohnung
verließ. Der Tag an dem Kilian ums Leben gekommen war. Bei dem Kampf
mit einem Monster, das damals in der näheren Umgebung Angst und
Schrecken verbreitet hatte.
Die schreckliche Schimäre hatte sich von der Angst und dem Entsetzen
ihrer Opfer genährt und war davon immer größer und mächtiger geworden.
Gerüchte behaupteten, sie hätte den damaligen Kampf überlebt und
würde immer noch in dem stillgelegten alten Fabrikgebäude hausen,
auch wenn niemand sie seit jenem Tage mehr gesehen hatte. Aber immer
noch wagte sich keiner in die Nähe ihrer alten Wohnstätte. Ja, nur
dieser Ort konnte mit "der Höhle des Löwen" gemeint sein. Aber weshalb
sollte Tamara sich dort befinden? Erlaubte sich etwa jemand nur
einen schlechten Scherz mit ihr? Immerhin wurde die Geschichte dieses
ruhmreichen Kampfes heute noch immer allerorten erzählt und auch
von Konnys Suche wußten nicht gerade wenige Leute... Aber auch wenn
Konny mißtrauisch war, wußte sie in ihrem Herzen doch längst, daß
sie dem Hinweis folgen würde, ja einfach mußte...
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| *** |
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Konny war gerade
dabei, ihr Schwert wieder zu schleifen und zu polieren, als die
Türklingel summte. Darauf gefaßt, irgendeinen Staubsaugervertreter
oder Zeugen Jehovas abwimmeln zu müssen - war das doch im Regelfall
der einzige Besuch, den sie zu erwarten hatte - linste sie durch
den Spion. Einen Augenblick später, löste sie die Sicherheitskette
und riß die Tür weit auf. Freundschaftlich umarmte Julian sie. Der
alternde Pooka war der einzige ihrer ehemaligen Weggefährten, der
sie hin und wieder noch besuchte. Julian trat an ihr vorbei in die
Wohnung und blickte sich neugierig um. Sein Blick blieb auf ihrem
Schwert und dem verbeulten Lederpanzer haften. "Was hast Du vor?"
fragte er sie mit leuchtenden Augen. "Übrigens siehst Du gut heute
aus. Deine Wangen leuchten fast genauso rot, wie Dein Haar. So schwungvoll
habe ich Dich lange nicht mehr gesehen!" Sie mußte über seine plumpen
Komplimente lachen und zeigte ihm die Nachricht, die die Taube ihr
gebracht hatte. Julian runzelte die Stirn, dann erhellte sich sein
Gesicht: "Ein Abenteuer!" rief er strahlend. "Oh Konny, das ist
ganz wie in alten Zeiten! Du läßt mich doch mitkommen, nicht wahr?"
Sie schmunzelte und nickte. Julians gute Laune wirkte ansteckend
und sie fühlte sich bei den Vorbereitungen so glücklich und ausgelassen,
wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Die düsteren Erinnerungen
waren fast vergessen.
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| *** |
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Julians quietschgelbe
Ente hielt schaukelnd und quietschend vor dem verlassenen Gelände
und die beiden Abenteurer schälten sich unter Ächzen und Stöhnen
aus dem kleine Vehikel. Ein Prickeln und Knistern lag in der Luft
und auch in Konnys Magen hatte sich das wohlvertraute Kribbeln ausgebreitet,
das sie vor jedem Kampf verspürte. Alle ihre Sinne waren aufs Äußerste
geschärft und sie bewegte sich wachsam und geschmeidig. Sie fühlte
sich wieder so jung wie früher und hatte fast den Eindruck, daß
die 20 Jahre, die vergangen waren, seit sie das letzte Mal hier
gewesen war, nicht gewesen wären.
Sie traten nun - das "Betreten verboten"-Schild, was schief am Eingang
hing ignorierend - in das dämmerige Zwielicht des Gebäudes. Hier
waren überall Schatten, in denen sich etwas zu bewegen schien und
die stillgelegten Maschinen wirkten wie fremdartige außerirdische
Wesen. Konnys Nerven waren aufs äußerste gespannt. Sie hatte ihr
Schwert gezogen und hielt es ein Stück vor sich.
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| *** |
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"Hier ist nichts..."
murmelte Konny fast ein wenig enttäuscht, nachdem sie jeden Winkel
der langgezogenen Halle durchsucht hatten. Sie wandte sich dem Ausgang
zu - als sich plötzlich und völlig unerwartet ein Schatten tatsächlich
bewegte und sich vor das helle Rechteck der Tür schob und es verdunkelte.
Dann war es als würden alle Schatten in dem Raum mit einmal zusammenfließen
und sich zu einer großen Wesenheit formen, deren Gestalt sich ständig
veränderte, so daß man es nicht lange ertragen konnte, sie anzublicken.
Konny spürte wie eine Gänsehaut über ihre Arme kroch und ihr Herz
zu rasen begann. Nein, sie mußte sich dagegen zur Wehr setzen! Es
war die Macht dieser Kreatur, mit ihren Ängsten zu spielen - sie
durfte das nicht zulassen. Entschlossen erhob sie ihre Waffe und
machte einen Satz auf die Bestie zu. Schwarze Schatten umhüllten
sie.
Plötzlich entstand ein Gesicht in dem wallenden Nebel, der sie nun
völlig einschloß, so daß sie Julian nicht mehr sehen konnte, sondern
nur noch seine ängstlichen Rufe hörte. Es war Kilians Gesicht...
"Komm zu mir Konny!" flüsterte er flehend "Damit wir endlich vereint
sein können". All die aufgestauten Erinnerungen brachen über ihr
zusammen wie eine Lawine. Das Schwert entrutschte ihren Händen.
Julian sah Konny fallen und ein verzweifelter Schrei entrang sich
seiner Kehle. Er stürzte sich nun, ohne noch einen Gedanken an die
Gefahr zu verschwenden, in der er schwebte, selbst auf die schattenhafte
Kreatur und trieb seinen eigenen langen Dolch mitten ins Zentrum
der Schwärze. Die Schatten um ihn herum begannen sich aufzulösen
und gaben den Blick auf eine reglose Gestalt frei.
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| *** |
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Julian starrte
in Tamaras emotionslose Glasaugen und prostete der Puppe zu. Er
hatte sie vor wenigen Tagen auf einem Flohmarkt unter einem Haufen
anderen Spielzeugs entdeckt. "Auf Konny!" murmelte er lallend. "Sie
war eine wirklich tolle Frau, weißt Du... Ich glaube, ich habe sie
geliebt! Wollte ihr das immer sagen, verstehst Du. Ich dachte, es
würde helfen, wenn sie sich endlich der Vergangenheit stellt, dachte
sie könnte dann was Neues beginnen..." Er warf den Kopf in den Nacken
und lachte. Er konnte gar nicht wieder damit aufhören. "Ja, Konny,
für dich beginnt nun was Neues! Vielleicht laufen wir uns eines
Tages wieder über den Weg, vielleicht bekomme ich doch nochmal eine
Chance, dir zu sagen, was ich für dich empfinde!" Er goß sich und
Tamara noch ein Glas ein. "Auf Konny, die gestorben ist, wie eine
Heldin! Ich werde dafür sorgen, daß die Barden immer von ihrer Tapferkeit
singen!"
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(Jana,
Juni 2001)
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Das Lied der See
Sina saß auf
dem alten Autoreifen, der vom Wasser angespült worden war, den Schreibblock
auf den Knien und seufzte. Sie saß nun schon fast eine Stunde hier
am Strand, hatte aber gerade erst eine halbe Seite geschrieben.
Was sollte sie Kirsten auch schon groß erzählen? Hier passierte
ja doch nichts. Ihre Mutter hatte das kleine Fischerdörfchen idyllisch
genannt, aber sie fand es nur langweilig. Es schien hier keine Gleichaltrigen
zu geben, nur komische alte Leute, wie die alte Johanna, die nur
ein Stück entfernt von ihrem neuen Zuhause, allein auf einem Hausboot
lebte und ständig schauerlich schön alte Seemannslieder sang; von
ihrem Geliebten, den das ihr Meer geraubt hätte und so etwas.
Sinas Blick schweifte wieder auf das Meer hinaus. Heute war es grau
und glatt, wie der Himmel, der sich darin spiegelte. Seit sie hier
waren, hatten sie noch keinen Tag richtig gutes Wetter gehabt. Auf
den Postkarten war der Himmel immer strahlend blau... Brrr, nun
fing es auch noch an zu nieseln. Sina überlegte, ob sie nach Hause
gehen sollte, da es auch bereits dämmerte, entschloß sich dann aber
dagegen. Dort wartete nur noch mehr Langeweile auf sie. Ihr Bruder
würde wahrscheinlich immer noch vor dem Fernseher sitzen und seine
blöden Cartoons glotzen, bis er viereckige Augen bekam und die Mutter
war in der letzten Zeit zunehmend gereizt gewesen.
Wahrscheinlich vermißte sie ebenfalls die Stadt. Immerhin hatte
sie ihre Arbeit aufgegeben als sie hierher gezogen waren. Seit sie
nicht mehr arbeitete, nutzte sie die freie Zeit, um ständig an Sina
und ihrem Bruder herumzumäkeln.
Sina fühlte sich ein wenig schuldig bei diesen Gedanken. Wenn die
Familie bloß nicht wegen ihr und ihrer Krankheit hierher gezogen
wäre! Die frische Meerluft sollte gegen ihren Husten helfen - pah,
daß sie nicht lachte! Es roch hier doch nur nach Salz und totem
Fisch...
Sina schob den Block in ihren Rucksack und ging am Strand entlang.
Ein unangenehmer Wind war aufgekommen. Vielleicht sollte sie doch
lieber umkehren. Bestimmt würde ihre Mutter mit ihr schimpfen, weil
sie nicht dick genug angezogen war. Sina hörte es schon fast: "Du
bist doch gerade erst wieder halbwegs gesund. So ein Leichtsinn!"
Trotzig setzte sie ihren Weg fort. Schimpfen würde ihre Mutter ja
sowieso.
Ein Stück weiter saß ein alter Fischer und flickte seine Netze.
"Hallo, junges Fräulein!" Widerwillig grüßte Sina zurück und wollte
weitergehen, doch der Alte schien auf eine Plauderei aus zu sein.
"So, ein hübsches junges Ding, so ganz allein...", sinnierte er
"nimm Dich nur vor den Selkies in acht, wenn Du nicht Dein restliches
Leben unter dem Meer verbringen möchtest... Und halte Dich von den
Klippen fern. Dort spukt es. Früher sind viele Schiffe dort untergegangen".
Sina bedachte den Mann mit einem bösen Blick. Für wie alt hielt
der sie eigentlich? Sie war schließlich bereits 12 und glaubte nicht
mehr an Geschichten über Kobolde und Klabautermänner, oder was immer
diese "Selkies" sein sollten. Seemannsgarn!
Aber seine Warnung vor den Klippen hatte Sina neugierig gemacht...
Ihr Mutter hatte ihr zwar verboten darin herumzuklettern, aber vielleicht
gab es dort irgendwelche alten Schmugglerhöhlen und Schätze aus
den untergegangenen Schiffen. Sina spürte ein angenehmes erregtes
Kribbeln in der Magengrube.
Allerdings war es nun doch schon ziemlich dunkel und sie sollte
sich vielleicht lieber etwas besser vorbereiten. Um Höhlen zu erforschen
brauchte man auf jeden Fall Seil und eine Taschenlampe - und natürlich
Proviant. Sie spürte, daß ihr Magen knurrte. "Ich kehre gleich um",
murmelte sie "ich will nur noch ein kleines Stück herangehen, um
mir die Felsen einmal aus der Nähe anzusehen".
|
| *** |
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Der Wind war
nun ziemlich stark geworden - und er trug eine seltsame Musik mit
sich. Zuerst hatte Sina gedacht, es würde sich dabei nur um das
Heulen des Sturms handeln, der durch die Klippen strich. Aber es
war tatsächlich Musik. Eine unheimliche klagende Flötenmelodie,
die klang, als würde das Meer selbst singen und über all die Toten
trauern, die auf seinem Grunde lagen. Sina sah förmlich die Bilder
der gesunkenen Schiffe vor sich und ihre Erkundungstour erschien
ihr mit einem Mal nicht mehr als eine so gute Idee.
Ein Nebel war vom Meer her aufgezogen und schien seltsame Gestalten
zu formen, die mit kalten, klammen Händen nach ihr griffen, sie
nicht gehen lassen wollten, sondern vorhatten, sie zu sich ins Meer
zu ziehen. Sina machte einige torkelnde Schritte auf das Wasser
zu. Sie konnte dieser Macht nicht widerstehen, den Stimmen, die
nach ihr zu rufen schienen...
Plötzlich legte jemand eine Hand auf ihre Schulter und schüttelte
sie. Sina blickte sich wie eine erwachende Schlafwandlerin verwirrt
und erschrocken um. Erleichtert atmete sie auf, als sie erkannte,
daß es sich bei der unförmigen Gestalt, nicht etwa um den Geist
eines ertrunkenen Seemanns, sondern um Johanna handelte, die gelbes
Ölzeug und Gummistiefel trug. Die alte Frau musterte sie besorgt
und als Sina ihr Gesicht von nahem sah, erkannte sie, daß Johannas
Augen gerötet waren, so als hätte sie geweint. "Geht es jetzt wieder?"
fragte die Frau mit mürrischer Stimme. "Dann gehe am besten gleich
nach Hause, bevor Du Dich wieder im Nebel verirrst. Hat man Dich
nicht gewarnt, daß die Klippen gefährlich sind? Bei diesem Wetter
kann man leicht dort ausrutschen und sich den Hals brechen!" Sina
wollte protestieren, daß sie sich nicht verirrt habe, hielt dann
aber lieber den Mund, denn das Gefühl, das sie eben gehabt hatte,
erschien ihr nun selbst kindisch. Außerdem war die unheimliche Musik
verstummt.
Trotzdem war sie neugierig, was Johanna selbst zu so einer Zeit
an diesem Teil des Strandes machte - und weshalb sie geweint hatte.
Doch als sie die alte Frau danach fragen wollte, erkannte sie, daß
diese schon schnell ausgeschritten war und sich bereits einige Meter
von ihr entfernt hatte. Sie beeilte sich hinterher zu kommen, denn
der Gedanke, wieder alleine hier am Strand zurückzubleiben, schien
ihr im Augenblick doch nicht ganz geheuer - auch wenn sie nicht
an Geister oder Klabautermänner glaubte.
|
| *** |
|
Das Donnerwetter,
das Sina erwartet hatte, war ausgeblieben. Ihre Mutter war zu erleichtert
gewesen, daß sie wieder da war und Sina hatte fast ein schlechtes
Gewissen wegen ihrer Planungen für den folgenden Tag gehabt. Allerdings
hatte sie nun, wo im hellen Schein der elektrischen Lampen, auch
noch der letzte Rest der gruseligen Stimmung verschwunden war, den
festen Vorsatz gefaßt, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie wollte
herausfinden, wer bei den Klippen Flöte gespielt hatte, weshalb
Johanna dort gewesen war und warum die Fischer glaubten, es würde
dort spuken. Für das alles mußte es ihrer Meinung nach eine ganz
logische Erklärung geben. Vielleicht waren es wirklich Schmuggler,
die dort irgend etwas lagerten und der abergläubischen Dorfbevölkerung
auf diese Weise Angst zu machen versuchten, damit sie sich nicht
in die Nähe ihres Verstecks wagte. Aber sie, Sina, würde sich dadurch
nicht einschüchtern lassen! Sie stellte sich bereits das Triumphgefühl
vor, wenn sie ihre Erkenntnisse der Polizei mitteilen würde. Vielleicht
würden sogar die Zeitungen davon berichten.
Auf ihrem Bett liegend, holte sie ihren Schreibblock wieder hervor.
Doch als sie versuchte, ihrer Freundin die Erlebnisse zu schildern,
fehlten ihr die richtigen Worte und sie kam sich selbst dumm dabei
vor. Sie strich das gerade Geschriebene wieder durch und schob den
Block unter ihr Bett. Ihre Träume in dieser Nacht waren voll von
Piratenschätzen, versunkenen Schiffen und flüsternden Nebelgestalten.
Und immer diese schreckliche klagende Musik! Sina wachte mehrfach
schweißgebadet auf.
|
| *** |
|
Am nächsten
Morgen schien die Sonne und Sina hatte ihre Alpträume fast vergessen.
Sie versuchte sich die Musik wieder in Erinnerung zu rufen, konnte
es aber nicht.
Nach dem Frühstück - die Freude ihrer Mutter, sie wiederzusehen,
schien nicht von langer Dauer gewesen zu sein - packte Sina schnell
einige Sachen in ihren Rucksack. "Was willst Du mit der Taschenlampe?"
fragte ihr Bruder neugierig. "Das geht Dich gar nichts an!" zischte
Sina. "Wehe, Du verrätst es Mutter." "Du willst wieder zu den Klippen",
grinste ihr Bruder. "Halt die Klappe", meinte Sina ärgerlich. "Keine
Angst. Ich werde Mama nichts sagen - wenn ich Deine Schokolade kriege".
"Du mußt Diät halten", erwiderte Sina boshaft. "Mama!" rief Felix
laut. "Schon gut, schon gut..." lenkte Sina ein. Ihr Bruder grinste.
|
| *** |
|
Die Felsen waren
tatsächlich naß und rutschig und das Klettern sehr mühsam. Sina
hatte schon nach kurzer Zeit Abschürfungen an ihren Händen und einen
Riß in ihrer fast neuen Jeans, den sie ihrer Mutter irgendwie würde
erklären müssen, wenn sie wieder zu Hause war. Zudem mußte sie wieder
husten von der Anstrengung, so lange, bis ihr schwindlig war. Erschöpft
lehnte sie sich an einen Felsen und holte eine Packung Kekse aus
ihrem Rucksack. Eine Möwe hüpfte vor ihr auf dem steinigen Boden
herum. Sina erkannte mitleidig, daß das Tier einen herunterhängenden
Flügel hatte und deshalb anscheinend nicht fliegen konnte, deshalb
warf sie dem Vogel einige Krümel zu. Die Möwe wurde schnell zutraulicher
und schließlich sogar so frech, daß sie dem überraschten Mädchen
einen halben Keks direkt aus ihrer Hand klaute. Mit dem Keks im
Schnabel hüpfte sie ein Stück und drehte sich dann zu Sina um, fast
als wolle sie das Mädchen auffordern, ihr zu folgen. Amüsiert kletterte
Sina dem Vogel hinterher.
Doch dieser war plötzlich verschwunden. Sina blickte sich suchend
um. Fortgeflogen sein, konnte er wegen seines lahmen Flügels ja
nicht. Da fiel ihr mit einmal das Loch im Fels auf. Eine Höhle!
Dort hinein mußte die Möwe verschwunden sein. Aufgeregt kramte Sina
nach ihrer Taschenlampe und knipste sie an, um ein Stück in das
dunkle Loch hineinzuleuchten.
Nachdem sich die erste Erregung gelegt hatte, war sie ein wenig
enttäuscht. Die angebliche Höhle sah doch eher nur wie ein Loch
im Gestein aus. Sie selbst würde wohl mit Mühe hindurch passen,
wenn sie sich auf allen Vieren vorwärts bewegte, aber ein Schmuggler
wäre bestimmt nicht hindurchgekommen.
Trotzdem wollte sie sich den Spaß einer genaueren Erforschung nicht
entgehen lassen.
|
| *** |
|
Der niedrige
Gang war glatt und überall wuchs feuchtes Moos. Wasser tropfte von
der Decke. Sina machte sich lieber keine Gedanken über den Zustand
ihrer Kleidung. Nach einer Weile führte der Weg bergauf und wurde
noch schwieriger, da Sina ständig abrutschte und sich nirgends richtig
festhalten konnte.
Doch dann war plötzlich Licht zu sehen und der Tunnel endete in
einer geräumigen Höhle. Der Fels wirkte hier trocken und durch einige
Spalten fielen ein paar Sonnenstrahlen hinein.
Sina staunte mit offenem Mund. Irgend jemand schien hier zu wohnen,
auch wenn die Einrichtung der Höhle nicht auf Schmuggler schließen
ließ. In einer Ecke lag ein Bündel Decken. Daneben stand eine Laterne
und auf diesem Lager lag - eine Flöte! Sina hob sie vorsichtig auf.
Sie schien aus Schilfrohr zu bestehen. Vorsichtig blies das Mädchen
hinein. Der Klang war unangenehm laut und schrill. Die Möwe, die
hier anscheinend auf Sina gewartet hatte, schimpfte protestierend
und Sina ließ die Flöte ein wenig erschrocken wieder sinken. In
dem Rest der Höhle stapelte sich Strandgut. Neugierig begutachtete
Sina alles, bis sie zu einem Fleck der Höhle gelangte, der im Gegensatz
zum restlichen Teil sehr ordentlich und mit Liebe hergerichtet schien:
Muscheln, Schneckenhäuser und kunstvoll aus Treibholz geschnitzte
Meerestiere bildeten einen Kreis um einen Bilderrahmen.
Sina zögerte erst; wirkte dieser Platz doch fast wie eine Art Altar,
aber ihre Neugier siegte schließlich und sie griff nach dem Bild.
Es handelte sich dabei um ein etwas verblichenes schwarzweißes Foto,
auf dem ein gutaussehender, wenn auch ein wenig melancholisch wirkender
Mann, mittleren Alters zu sehen war.
|
| *** |
|
Plötzlich hörte
Sina hinter sich ein Geräusch... Sie erschrak so, daß das Bild ihren
Händen entglitt. Mit einem lauten Scheppern zerbarst das Glas auf
dem Felsen. Hinter ihr stand ein junger Mann, der sie nun wütend
anblickte. "Schau nur, was Du angerichtet hast!" rief er klagend.
Unsanft stieß er sie zur Seite, ließ sich auf den Boden sinken und
hob mit bebenden Händen das Foto auf. Als er es betrachtete und
seine Züge dabei sanft und traurig wurden, stellte Sina unwillkürlich
fest, daß er eine starke Ähnlichkeit mit jenem Mann auf dem Foto
hatte; besonders die großen dunklen traurigen Augen waren die selben.
Allerdings war seine Erscheinung sonst höchst merkwürdig: Sein langes
Haar hing ihm naß und strähnig auf die Schultern, einige Algen hatten
sich darin verfangen, und er trug einen knöchellangen altmodischen
Mantel aus einem seltsamen Material. Zudem war er barfuß. Sina räusperte
sich verlegen. "Das mit dem Bild tut mir wirklich leid", meinte
sie unsicher. "Ich werde den Rahmen natürlich bezahlen". Der Mann
schrak aus seiner versunkenen kummervollen Betrachtung des Fotos
auf und der Zorn kehrte in seinen Blick zurück. Drohend richtete
er sich auf. "Was tust Du hier? Was hast Du an diesem Ort zu suchen?"
Seine Stimme wirkte rauh und holprig, als wären dies seine ersten
Worte nach einer sehr langen Zeit. Sina musterte ihn neugierig.
Erstaunlicherweise verspürte sie keine Angst. Auf schwer zu beschreibende
Weise wirkte der Fremde auf sie eher wie ein einsames Kind und sie
spürte unwillkürlich Mitleid mit ihm. "Ich bin durch Zufall hierher
gelangt. Deine Möwe hat mir den Weg gezeigt", antwortete sie ruhig.
"Wohnst Du hier?" "Verschwinde! Ich will hier meine Ruhe haben!"
schnauzte er sie an. "Bist Du im Meer geschwommen? Das muß doch
viel zu kalt sein um diese Jahreszeit!" "Du sollst endlich gehen,
kapiert!" "Hey, weshalb bist Du denn so unfreundlich... Das mit
dem Bild war wirklich keine Absicht, das habe ich Dir doch schon
gesagt." Das Bild hätte Sina wohl lieber nicht erwähnen sollen,
denn der junge Mann, machte daraufhin einen plötzlichen Schritt
nach vorne und versetzte dem Mädchen eine klatschende Ohrfeige.
Sina kniff die Augen zusammen und rieb sich ihre brennende Wange
"Für jemanden, der so schön Flöte spielt und so hübsche Figuren
schnitzen kann, bist Du ein ganz schöner Grobian", befand sie. "Ich
habe Dich nicht eingeladen, herzukommen und Deine Nase überall hineinzustecken"
erwiderte der junge Mann trotzig, aber anscheinend schien ihm sein
eigener Ausbruch nun unangenehm zu sein. Sina grinste überlegen.
Dieser Kerl erinnerte sie trotz seines Alters eher an ihren jüngeren
Bruder. "Ein wenig gastfreundlicher, kann man ja wohl trotzdem sein"
meinte sie spitz. "War der Mann auf dem Bild Dein Vater?" fragte
sie nun sanfter. Der Fremde nickte und wirkte jetzt wieder bedrückt.
"Oh, tut mir leid, ich bin wohl wieder ziemlich unhöflich, denn
ich habe Dir gar nicht meinen Namen gesagt. Also, ich heiße Sina",
das Mädchen grinste den jungen Mann freundlich an. Als er nichts
erwiderte, fragte sie: "Und wie ist Dein Name?" "Laurin", meinte
der Fremde kurz angebunden. "Das ist ein hübscher Name. Ich habe
ihn vorher noch nie gehört!" plauderte Sina lustig drauflos. Laurin
sah sie verwirrt an. "Weshalb trägst Du diesen komischen Mantel?
Du siehst echt sehr merkwürdig darin aus!" kicherte Sina. "Er ist
von meinem Vater". "Oh tut mir leid, aber das konnte ich ja schließlich
nicht wissen..." Laurin schwieg und starrte sie nur mürrisch an.
"Mit Dir kann man sich aber wirklich nicht vernünftig unterhalten",
beschwerte sich Sina. "Allerdings sollte ich nun wohl auch tatsächlich
nach Hause, sonst meckert meine Mutter wieder". Sie verzog ihr Gesicht
und blickte an ihren schmutzigen Kleidungsstücken hinunter. "Du
kannst jetzt nicht gehen", meinte Laurin grimmig.
Für einen Augenblick wurde Sina unsicher. Vielleicht hatte sie sich
in Laurin getäuscht. Ihre Mutter hatte sie schließlich oft genug
vor fremden Männern gewarnt und hier war sie diesem seltsamen Kerl
völlig ausgeliefert. Wenn sie um Hilfe schrie, würde wahrscheinlich
niemand einen Ton hören. "Die Flut", fügte Laurin hinzu. "Der Gang
ist jetzt völlig unter Wasser". Sina lachte unsicher, aber erleichtert.
Die Erleichterung verschwand allerdings schnell wieder, als ihr
einfiel, daß sie nun mehrere Stunden hier warten mußte und man sie
wahrscheinlich suchen würde. Laurin hatte es sich inzwischen seelenruhig
auf seinem Lager bequem gemacht und wieder begonnen, auf seiner
Flöte zu spielen. "Kannst Du auch mal etwas Fröhlicheres spielen?"
beklagte Sina sich. Laurin sah sie nur düster an.
|
| *** |
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Ihre Mutter
hatte ein ziemliches Theater veranstaltet, als Sina wieder nach
Hause gekommen war. Sina hatte es danach für besser gehalten, ihr
nicht die Wahrheit darüber zu erzählen, wo sie die Zeit verbracht
hatte. Sie wußte auch irgendwie nicht, wie sie es so beschreiben
sollte, daß ihre Mutter sich keine unnötigen Sorgen machte. Wenn
sie jetzt an ihr Erlebnis zurückdachte, verstand sie auch selbst
nicht mehr, wie sie sich so sicher hatte sein können, daß Laurin
harmlos war und ihr nichts tun würde, immerhin schien er doch ziemlich
verrückt zu sein und war außerdem ein erwachsener Mann. Und sie
wußte eigentlich nichts über ihn.
Die Stunden, die sie noch bei ihm verbracht hatte, hatte er meist
geschwiegen, auch wenn seine anfängliche Feindseligkeit nach einer
Weile nachließ. Er hatte auf seiner Flöte gespielt und danach eine
Schnitzerei beendet. Als die Figur, die ein Seepferdchen darstellte,
fertig war, hatte er sie ihr in die Hand gedrückt, bevor sie aufgebrochen
war. Sie wußte nicht, was sie davon halten sollte, daß Laurin ihr
plötzlich ein Geschenk machte, wo er doch den ganzen Abend nicht
mit ihr geredet hatte. Sie selbst hatte dafür allerdings um so mehr
gesprochen. Sie wußte auch nicht, was sie dazu bewogen hatte, Laurin
ihre ganze Lebensgeschichte anzuvertrauen. So offen hatte sie über
ihre Gefühle noch nicht einmal mit Kirsten gesprochen, denn die
hätte bestimmt nur angefangen zu kichern und sie dann gefragt, wie
sie den Neuen aus der Parallelklasse finden würde...
Sie war sich zwar auch nicht sicher, ob Laurin alles verstanden
hatte, was sie ihm erzählte oder ob es ihn überhaupt interessierte,
aber sie hatte den Eindruck, daß er die erste Person war, die ihr
wirklich einmal zuhörte. Sie hatte in ihrem Brief versucht, das
Kirsten zu schreiben, aber ihre Worte klangen unbeholfen. Außerdem
konnte sie ihrer Freundin ja schlecht sagen, daß sie sich häufig
von ihr unverstanden fühlte. Als sie den Absatz noch einmal durchlas,
schien alles falsch zu klingen. Kirsten würde nun bestimmt annehmen,
daß sie in Laurin verknallt wäre.
Oder war sie das am Ende tatsächlich? Aber der Kerl war doch bestimmt
ewig viel älter als sie selbst und außerdem ganz augenscheinlich
nicht völlig dicht... Sina kicherte ein wenig bei dem Gedanken daran,
daß Laurin sie küßte. So richtig auf den Mund, wie im Fernsehen.
"Was lachst Du?" fragte ihr Bruder neugierig. "Freust Du Dich etwa
so darüber, daß Du die nächsten Tage Hausarrest hast?" Sina blickte
ihn ein wenig säuerlich an. "Das verstehst Du nicht. Dafür bist
Du noch viel zu klein" erwiderte sie hochmütig. "Ha, ich weiß schon.
Du bist verliebt! Und gestern hast Du Dich mit Deinem Freund getroffen!"
Felix blickte sie triumphierend an. "Mama, hat gesagt, Du dürftest
nur rausgehen, wenn Du mich mitnimmst... Sie will nicht, daß ich
den ganzen Tag fernsehe". Felix verzog das Gesicht. "Heute hat sie
mich auch nach draußen gescheucht. Da habe ich übrigens diesen komischen
Kauz getroffen. Du weißt schon, den alten Fischer... Also, der erzählt
wirklich verrückte Geschichten, das ist fast genauso gut wie fernsehen".
"Was hat er Dir erzählt?" fragte Sina langsam. "Naja, so Seemannskram
eben. Von versunkenen Schiffen, Städten unter Wasser, Meerjungfrauen
- und von Selkies. Das sind Seelöwen, die sich in Menschen verwandeln
können - oder vielleicht auch umgekehrt - indem sie ihr Fell an-
oder ablegen. Er behauptet der Geliebte von der alten Johanna -
Du weißt ja, über den sie immer singt - wäre ein Selkie gewesen.
Aber dann ist er zurück ins Meer gegangen. Angeblich hatte sie auch
einen Sohn von ihm, aber der ist dann verschwunden. Sein Vater hat
ihn wohl geholt". Felix verdrehte die Augen und grinste breit. "Nicht,
daß ich an solche Märchen glauben würde", fügte er hinzu. "He, was
ist los, weshalb guckst Du denn so komisch?"
Sina starrte ihren Bruder tatsächlich mit weit aufgerissenen Augen
an, während sich in ihrem Kopf einige Puzzleteile zusammenfügten.
Ihr Verstand weigerte sich zwar noch immer an die Existenz solcher
Dinge zu glauben, aber ein Teil von ihr wußte, daß es so und nicht
anders sein mußte. Ihr war nämlich wieder eingefallen, daß der Höhleneingang
viel zu eng für einen erwachsenen Mann von Laurins Größe gewesen
wäre...
Sie schauderte und brauchte sehr lange bis sie endlich einschlief.
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| *** |
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Am nächsten
Morgen erwachte sie erst spät, aber ihr erster Gedanke galt Laurin.
Sie mußte ihn wiedersehen und von ihm selbst die Bestätigung haben,
daß ihre Vermutung der Wahrheit entsprach.
Doch als sie die Treppe nach unten ging, hatte sie das merkwürdige
Gefühl, daß etwas nicht stimmte. Ihre Mutter saß noch am Frühstückstisch.
Als Sina sich zu ihr setzte, drehte sie das Radio leiser und machte
ein ernstes Gesicht. "Es ist etwas Schlimmes passiert", meinte sie.
"Vor der Küste ist in der Nacht ein Öltanker gesunken. Sie haben
es gerade im Radio durchgegeben. Besser ihr geht heute nicht draußen
spielen". Sina starrte sie benommen an.
Dann schoß ihr ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. "Laurin",
flüsterte sie bestürzt. Sie sprang so heftig auf, daß der Stuhl
umkippte und stürmte nach draußen, in Richtung der Klippen. Der
Strand war glitschig und schmierig von den Öllachen und zwei Male
stolperte sie über schwarzverschmierte Vogelleiber, was ihre Sorge
noch verstärkte. Mit klopfendem Herzen näherte sie sich den Felsen,
wobei sie laut begann, Laurins Namen zu rufen.
Sie nahm keine Rücksicht beim Klettern, so daß ihr Körper schon
bald mit blauen Flecken und Schrammen übersät war. Als sie sich
dem Eingang zur Höhle näherte, vernahm sie hinter sich ein Krächzen.
Es war die Möwe mit dem lahmen Flügel; Laurins Möwe. Sina streichelte
das zutrauliche Tier.
Sie konnte die Höhle nicht betreten; das Wasser stand noch zu hoch.
"Laurin geht es doch gut, nicht wahr?" fragte sie die Möwe, konnte
aber nicht verhindern, daß ihre Stimme matt und mutlos klang. Da
legte sich ihr von hinten eine Hand auf die Schulter. "Laurin" rief
sie freudig aus, doch hinter ihr stand nur Johanna und schüttelte
traurig ihren Kopf.
"Dies hier soll
ich Dir von ihm geben. Ein Freund von ihm, hat es mir heute am frühen
Morgen gebracht". Sie hielt Sina ein Bündel hin. Als diese es auseinanderfaltete,
erkannte sie, daß es der Mantel war, den Laurin getragen hatte;
das Erbstück seines Vaters. Ehrfurchtsvoll strich sie über die Seelöwenhaut.
Die ältere Frau musterte sie leicht wehmütig. "Ich weiß nicht, ob
ich das annehmen kann...", meinte Sina verlegen. "Eigentlich gehört
sie doch Ihnen, da es ja ein Erbstück Ihres Mannes ist". Sie biß
sich auf die Unterlippe als sie sah, wie Johannas Gelassenheit ins
Wanken geriet. Laurins Mutter brauchte einige Zeit, bis sie wieder
sprechen konnte, dann antwortete sie mit gebrochener Stimme: "Ich
bin bereits eine alte Frau. Du aber hast Dein Leben noch vor Dir
und bist deshalb unsere einzige Hoffnung auf eine Zukunft". Sina
schwieg daraufhin. Ihr fehlten nicht oft die Worte, aber jetzt wußte
sie wirklich nichts Passendes zu erwidern. Johanna strich ihr übers
Haar. "Komm mit Kind, es gibt einige Dinge, die ich Dir noch erzählen
will über Laurin und über seinen Vater".
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Sina knüllte
den angefangenen und nie beendeten Brief zusammen, warf ihn ins
Wasser und beobachtete wie die Wellen das Stück Papier davontrugen.
Nein, Kirsten würde nie alles verstehen können, was passiert war
und ihre Veränderung nicht begreifen. Piet, die Möwe, krächzte zustimmend.
Das Mädchen lächelte traurig, während es den unauffälligen Gürtel
berührte, zu dem der Mantel geworden war.
Dann erhob sich Sina, nun die Letzte der Selkies an dieser Küste,
fütterte Piet noch mit ein paar Kekskrümeln und machte sich dann
auf den Weg zur Höhle.
(Jana,
Juni 2001)
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Daydreamer
Leandra kaute
nachdenklich auf ihrem Bleistift herum und schielte dabei unter
ihren dünnen hellbraunen Haaren zu Nikias herüber, der einmal wieder
von einer Schar kichernder viel zu stark geschminkter Mädchen umgeben
war. Er warf sein dichtes lockiges dunkelbraunes Haar zurück und
lachte fröhlich. Ihm schienen diese Aufmerksamkeiten zu gefallen.
Leandra senkte ihren Blick schnell wieder. Wahrscheinlich war es
wirklich nur eine Wunschvorstellung, daß sich hinter dem athletischen
durchtrainierten Körper, den schulterlangen braunen Locken (oh wie
gerne hätte Leandra sie doch einmal berührt...) und dem sorglosen
Lächeln in einem sonnengebräunten Gesicht noch mehr verbarg... Und
doch, manchmal wenn sie in seine Augen sah (natürlich hinter ihrem
Haarvorhang, so daß er es nicht bemerkte) glaubte sie darin etwas
Nachdenkliches und Verträumtes zu erkennen, das sie glauben ließ,
daß sich hinter den Texten, die er für seine Band Daydreamer schrieb,
vielleicht doch der sensible, sanftmütige Märchenprinz versteckte,
der die Hauptrolle in so vielen ihrer selbst geschriebenen Geschichten
spielte. Aber es war natürlich völlig unmöglich, daß sich dieser
zwei Jahre ältere Mädchenschwarm ausgerechnet für eine langweilige
graue Maus wie sie interessieren würde. So etwas wäre noch nicht
einmal in kitschigen Filmen oder einem Schundroman passiert...
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Verdammt, sie
mußte doch zu auffällig in seine Richtung geblickt haben, denn plötzlich
lächelte der Held ihrer Träume in ihre Richtung und näherte sich
dem Tisch an dem sie saß. Ihr fiel das Herz in die Hose. Gleich
würde er irgendeine dumme Bemerkung machen und damit alle ihre Hoffnungen
zerstören. Instinktiv kauerte sie sich über ihren Schreibblock.
Die Mädchen um ihn herum kicherten. "Du schreibst Geschichten, nicht
wahr?" fragte Nikias mit seiner vollen samtweichen Stimme. Sie schaffte
es nur zu nicken, denn sie wußte, was gleich kommen würde. "Darf
ich mal schauen?" fragte ihr Angebeteter. Jetzt wußte sie, was er
wollte! Er würde den Block nehmen und den dummen Gänsen daraus vorlesen;
ja die ganze Klasse würde hören, was sie geschrieben hatte und sich
darüber wahrscheinlich halb tot lachen! Panik ergriff sie. "Nein,
lieber nicht. Die sind wirklich nicht gut", stammelte sie. "Weshalb
läßt Du mich das nicht entscheiden? Vielleicht gefallen sie mir
ja!" Nikias zog ihr den Block weg und überflog ihre letzte Geschichte.
Sie merkte wie sie anfing zu schwitzen und sich ihr Gesicht rötete.
Hoffentlich bemerkte er nicht, daß der Held dieser Geschichte er
selbst sein sollte! Nach einer Weile hob Nikias seinen Blick wieder
und sah ihr unter seinen dichten seidigen Wimpern hindurch direkt
in die Augen. Unter diesem Blick wurde ihr ganz schwindlig. "Du
bist viel zu bescheiden. Es ist toll, wie Du schreibst", stellte
er fest. Sie schluckte. "Die Texte Eurer Band sind aber auch klasse,
ich kann sie alle auswendig", hauchte sie. Nur am Rande bekam sie
mit, daß hinter ihr ein Mädchen aus ihrer Klasse gerade einen Lachanfall
bekam. "Tatsächlich? Gefallen Sie Dir?" fragte Nikias erstaunt.
"Du bist die erste, die mich darauf anspricht. Ich glaube, die meisten
Leute verstehen sie einfach nicht. Wenn sie sich überhaupt die Mühe
machen, sie zu lesen." "Ob ich sie verstehe, weiß ich natürlich
auch nicht", beeilte sich, Leandra zu sagen, der erst jetzt richtig
bewußt geworden war, was sie eben gesagt hatte und die nun aus Scham
am liebsten im Boden versunken wäre. "Aber sie bedeuten mir sehr
viel. Sie drücken manchmal genau meine eigenen Gefühle aus." Na
toll, sie hätte sich ohrfeigen können. Jetzt mußte ja gleich ein
dummer Spruch kommen... Aber Nikias sah sie nur nachdenklich an.
"Ja, vielleicht könntest Du sie tatsächlich verstehen. Vielleicht...",
er überlegte und strahlte dann plötzlich über das ganze Gesicht.
"Vielleicht können wir uns ja einmal treffen und uns in Ruhe über
die Texte unterhalten - und natürlich über Deine Geschichten. Wie
wäre das? Sagen wir... heute abend um 18 Uhr bei mir? Du wohnst
ja fast um die Ecke. Einverstanden?" Sie starrte ihn einfach nur
an, aber das schien er als Zustimmung aufzufassen. "Komm, schon
Nicki..." meinte ein anderes Mädchen und zog ihn nach draußen, aber
bevor er ging, blinzelte er ihr noch einmal belustigt zu.
|
***
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Leandra wußte
nicht, wie lange sie nun schon die Tür angestarrt hatte und hin-
und hergerissen war, ob sie klingeln oder lieber schnell wieder
verschwinden sollte, als diese mit einmal von innen aufgerissen
wurde. "Los, komm doch endlich rein", begrüßte Nikias sie mit seinem
gewinnensten Lächeln und sie folgte ihm völlig verwirrt. Sein Zimmer
war klein aber gemütlich. An den Wänden hingen Bilder von Griechenland.
Landschaften und irgendwelche alten Tempel. Leandra, die auf der
Suche nach einem unverfänglichen Gesprächsthema war, fragte "Kommst
Du eigentlich aus Griechenland? Ich meine auch wegen Deinem Namen...
Nikias ist übrigens wirklich ein schöner Name". "Meine Eltern kommen
aus Griechenland. Ich war auch schon ein paar Male da in den Ferien.
Ist wirklich ein tolles Land... Übrigens finde ich es schön, daß
Du meinen richtigen Namen benutzt und mich nicht "Nicki" rufst wie
alle anderen. Aber setze Dich doch..." Nikias drängte sie zu einer
kleinen Couch und setzte sich für ihren Geschmack viel zu dicht
neben sie, während er eine Kerze entzündete und Wein in zwei Gläser
goß. Da sie sich nicht traute, zu gestehen, daß sie Wein nicht mochte,
ließ sie es geschehen, als Nikias mit ihr anstieß.
Der Abend danach verging wie im Fluge. Nikias erwies sich als perfekter
Gastgeber und Leandra redete nach anfänglicher Scheu viel mehr als
sie es sonst tat, wobei sie nicht wußte, ob das an dem ungewohnten
Wein lag oder daran, daß Nikias immer zu den richtigen Zeitpunkten
die richtigen Fragen stellte und sich als außergewöhnlich guter
Zuhörer herausstelle. Auf jeden Fall verflogen die Stunden viel
zu schnell und irgendwann fiel Leandra wieder ein, daß zu Hause
ihre Mutter auf sie wartete. Als sie sich jedoch verabschieden wollte,
hielt Nikias, der zwischenzeitlich seinen Arm um ihre Hüfte gelegt
hatte, sie sanft zurück. "Bevor Du gehst, habe ich noch etwas für
Dich. Ein kleines Geschenk. Ich habe es heute nachmittag selbst
gemacht." Er fummelte in seiner Tasche herum und zog dann ein Freundschaftsarmbändchen
daraus hervor. Leandra spürte wie mit einmal ihre ganze Unsicherheit
zurückkehrte und ihr wieder die Hitze in die Wangen stieg. "Danke",
stotterte sie "woher hast Du gewußt, daß Blau meine Lieblingsfarbe
ist?" "Ich habe dabei an Deine wundervollen blauen Augen gedacht,
meine Liebste. Aber willst Du es nicht endlich anlegen. Warte, ich
helfe Dir bei dem Knoten..." Bei den letzten Worten hatte eine winzige
Spur von Ungeduld aus Nikias Stimme gelegen und Leandra beeilte
sich, das Bändchen mit seiner Hilfe an ihrem Handgelenk zu befestigen.
Sie wußte nicht, was dann passierte, aber mit einmal schien sich
alles um sie herum zu drehen. Nikias fing sie fürsorglich auf. Als
sie die Augen wieder öffnete, war sie überwältigt von der Intensität
mit der alle Farben auf sie einstürmten. Sie wandte ihren Blick
Nikias zu, der sie immer noch im Arm hielt - und zuckte zurück.
Auch ihr Gegenüber hatte sich verändert: Die lockige Haarmähne schien
noch dichter geworden zu sein, aber nicht das war es, was sie erschreckte!
Aus seiner Stirn wuchsen zwei gewundene Hörner, zwar nur klein aber
völlig unübersehbar, und anstelle von Jeans und T-Shirt hatte er
nun eine leichte weiße Tunika an. Als sie ihren Blick noch weiter
senkte und bei den stark behaarten Bocksbeinen anlangte, stieß sie
einen kleinen Schrei aus und versuchte sich strampelnd aus Nikias
Umarmung zu lösen. Dieser jedoch hielt sie mit seinen muskulösen
Armen fest und lachte belustigt. "Du brauchst doch keine Angst zu
haben. Schließlich kennen wir uns doch und ich dachte, daß Du mich
wenigstens ein bißchen magst, nach diesem wunderbaren Abend..."
Diese Stimme! War sie schon vorher weich und wohlklingend gewesen,
war sie nun so verführerisch, daß Leandra keinen klaren Gedanken
mehr zu fassen vermochte. "Das muß ein Traum sein. Gleich werde
ich aufwachen..." murmelte sie. "Wenn dies ein Traum ist, willst
Du dann wirklich daraus erwachen?" fragte Nikias mit rauher verlangender
Stimme, während seine Finger mit ihrem Haar spielten. Sie war so
überwältigt, daß sie nur noch den Kopf schütteln konnte. Nikias
hielt plötzlich einen herrlichen Strauß duftender roter Rosen in
der Hand und fiel vor der Couch auf die Knie. "Ich liebe Dich, Leandra!
Du bist etwas ganz Besonderes mußt Du wissen. Bitte sage mir, daß
Du meine Gefühle erwiderst, sonst kann ich nie mehr froh sein,"
rief er dramatisch aus und drückte Leandra die Blumen in die Arme.
Sie preßte ihr Gesicht gegen die herrlichen Blüten und sog den betäubenden
Duft ein. Dabei stach sie ein Dorn in die Hand. Aus der kleinen
Wunde quoll ein Blutstropfen hervor, aber Nikias war schon zur Stelle,
nahm ihr Hand in die seine und preßte seine heißen Lippen darauf.
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***
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Die darauf folgenden
Tage zogen für Leandra wirklich wie in einem Traum vorüber und sie
entdeckte die ganze Welt neu und erkannte, daß sie voller Wunder
war. Nikias war immer an ihrer Seite und überhäufte sie mit Komplimenten
und kleinen Geschenken. Leandra störte es auch nicht besonders,
daß er weiterhin mit den anderen Mädchen aus ihrer Klasse herumflirtete,
denn was wußten die schon über ihn? Außerdem zwinkerte ihr Nikias
dabei immer belustigt aus funkelnden braunen Augen zu. Sie lernte,
daß es eine ganz eigene Welt neben ihrer eigenen gab, eine Märchen-Welt
in der Wünsche wahr wurden und erkannte, daß sie dies tief in ihrem
Herzen schon immer gewußt und sich danach gesehnt hatte.
Sie lernte auch andere kennen, die waren wie Nikias - und doch wieder
ganz anders. Der erste den sie kennenlernte war Henrik, eigentlich
der Keyboarder in Nikias Band. Bisher hatte sie ihm kaum einen zweiten
Blick geschenkt und immer vermutet, der käsige dürre Bursche mit
den dicken Brillengläsern und dem fettigen Haar würde nur deshalb
nicht ständig zusammengeschlagen werden, weil er mit Nikias befreundet
war und in seiner Band spielte. Es konnte natürlich auch daran liegen,
daß ihm eine Aura des Unheimlichen anhaftete, die ein Mädchen aus
Leandras Klasse einmal damit beschrieben hatte, daß sie eine Gänsehaut
bekomme, wenn er nur an ihr vorbeischleichen würde und bei seiner
Stimme würden sich ihr die Nackenhaare aufstellen. Die anderen hatten
darüber gelacht, wenn auch selbst ein wenig nervös, und ein anderes
Mädchen hatte behauptet, das müsse wohl an seinem üblen Geruch liegen.
Niemand hatte darüber gelacht, als der Angesprochene im selbigen
Moment das Klassenzimmer betrat.
Als Nikias sie ihm vorstellte, hatte Henrik sie nur durchdringend
angeschaut (durch seine Brillengläser schienen seine Augen sowieso
die doppelte Größe zu haben und jedem bis in die Seele schauen zu
können) und ihr zugeraunt "Nimm Dich in acht vor Nikias, sonst wird
Deine Liebe tragisch enden. Er hat schon viele Herzen gebrochen..."
Nikias hatte seinem Freund daraufhin nur auf die Schulter geschlagen,
so daß dieser fast umgefallen wäre und herzhaft gelacht, allerdings
nicht ohne Henrik dabei einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Leandra
war in sein Lachen eingestimmt.
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***
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Das Leben hätte
nach Leandras Willen immer so weitergehen können. Sie war zum ersten
Mal in ihrem Leben richtig glücklich und sogar die Mädchen aus ihrer
Klasse hatten inzwischen aufgehört, sich über sie lustig zu machen,
auch wenn in ihren Stimmen Neid mitklang und Leandra wurde schließlich
sogar von einer Mitschülerin, die sie vorher nie eines Blickes gewürdigt
hatte, zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.
Doch alles sollte sich ändern als ein paar Wochen später das Mittsommernachtsfest
heranrückte. Nikias wollte sie zu einem Ball mitnehmen und hatte
ihr bereits ein festliches Kleid besorgt, in dem sie sich fast vorkam
wie eine Prinzessin, wenngleich sie sich ein wenig unwohl und fremd
fühlte. Aber Nikias Komplimente ließen sie das schnell vergessen.
Das Fest fand auf einer Lichtung tief im Wald statt, die nur von
bunten Lampions und einem großen Lagerfeuer erhellt wurde. Irgendwo
spielten Musikanten auf Lauten und Flöten mittelalterlich anmutende
Weisen und Leandra fühlte sich in eine andere Zeit versetzt. Auf
der kreisrunden Lichtung hatte sich ein buntes Völkchen versammelt
und Leandra gingen vor staunendem Entzücken fast die Augen über.
Sie war so völlig versunken in dem märchenhaften Anblick, daß sie
die strahlend schöne junge Frau, die mit einmal vor Ihnen aufgetaucht
war, erst wahrnahm, als diese mit glockenheller Stimme Nikias ansprach.
"Möchtest Du die Gastgeber etwa gar nicht begrüßen?" fragte sie
belustigt. Sie strahlte eine solche majestätische Würde aus, daß
Leandra unbewußt auf die Knie gesunken war und ihre Augen von diesem
Glanz abwenden mußte. "Oh, wie ich sehe, hast Du ein neues Spielzeug,
Laß, Dich doch einmal anschauen Kind!" Die Fremde hob sanft Leandras
Kinn ein wenig an. "Sie ist nicht nur ein Spielzeug", protestierte
Nikias, "ich mag sie wirklich. Außerdem schreibt sie ganz wunderbare
Geschichten, mußt Du wissen." "Oh, nun das ist ja interessant",
schmunzelte die Schöne "aber ich hoffe doch, Du hast mich über Deiner
neuen Gespielin noch nicht ganz vergessen, mein feuriger Liebhaber".
Damit machte sie einen schnellen Schritt auf Nikias zu und küßte
ihn auf den Mund. Er wehrte sich nicht dagegen und Leandra stand
nur daneben als die Zärtlichkeiten leidenschaftlicher wurden. Sie
empfand in diesem Moment keine Eifersucht, denn sie war immer noch
wie betäubt von der Schönheit der Frau und dem bunten Treiben um
sie herum...
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***
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Als Leandra
am nächsten Morgen in ihrem Bett erwachte, sie hatte leichte Kopfschmerzen,
wußte sie nicht mehr wie sie nach Hause gekommen war. Was war am
vergangenen Abend geschehen? Sie rieb sich die Schläfen aber als
sie sich versuchte, die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, verschlimmerten
sich die Schmerzen nur. Die ganzen letzten Tage schienen verschwommen.
Hatte Nikias ihr wirklich seine Liebe gestanden oder war das nur
ein Teil ihres nächtlichen Traums gewesen? Unbewußt wanderte ihr
Blick zu ihrem Handgelenk. Das Bändchen war verschwunden. Also doch
alles nur Einbildung? Leandra fühlte eine seltsame Leere in sich.
Sie schaute aus dem Fenster nach draußen. Das Wetter war genauso
trübe und grau wie es in ihrem Inneren aussah. Frierend schlüpfte
sie in ihre Kleidung.
In der Schule hielt sie Ausschau nach Nikias, doch dieser war noch
nicht da, deshalb holte sie ihren Schreibblock heraus und ignorierte
ihre Klassenkameradin, die kichernd versuchte, nähere Einzelheiten
über Nikias und ihr Liebesleben aus ihr herauszuholen (es war also
doch real!). Doch die Ideen wollten nicht kommen. Wo die Worte sonst
nur so aus ihr herausflossen, bildeten sie nun ein dünnes Rinnsal
und ihre Gedanken bewegten sich nur zähflüssig. Dann hörte sie Nikias
Stimme und ließ den Stift sinken. Nikias scherzte mit zwei Mädchen
und warf keinen Blick in ihre Richtung. Sie schluckte, überwand
sich dann aber. "Nikias", sagte sie leise, kaum hörbar, doch der
Angesprochene fuhr erschrocken zusammen und warf ihr einen Blick
zu, in dem sich Beschämung und Schuldbewußtsein mischten. "Jaaa?"
fragte er gedehnt. Sie sah sich unangenehm berührt um. Es behagte
ihr nicht, ihre Gefühle vor der gesamten Klasse auszusprechen. Nikias
war nun an ihren Tisch getreten. "Leandra, ich glaube es ist besser
so. Ich meine, daß wir gestern Schluß gemacht haben", meinte er
zögernd, "auf die Dauer wäre es einfach nicht gutgegangen, das verstehst
Du doch". Er legte ihr sachte die Hand auf die Schulter "Du hast
jemand Besseren verdient als mich", flüsterte er und drehte sich
danach ruckartig um. Den Rest des Tages beachtete er sie nicht mehr.
Leandra fühlte sich innerlich wie gelähmt, wie erfroren. Den Rest
des Tages bekam sie nur noch wie durch einen grauen Nebel mit. Als
sie den Weg nach Hause einschlug, war sie so abwesend, daß sie nicht
merkte, daß sie verfolgt wurde.
Zu Hause war noch niemand da. Ihre Mutter würde erst abends kommen.
Mit zitternden Fingern schob Leandra die Kassette ihrer Lieblingsband
in den Rekorder. Dann öffnete sie den Badezimmerschrank. Die Rasierklingen
hatte sie schnell gefunden. Sie spürte kaum etwas, als sie in ihre
Haut schnitten. Dann quollen dicke Blutstropfen hervor und fielen
auf die weißen Fliesen. Leandra mußte an rote Rosen denken...
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***
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Als sie wieder
erwachte, befand sie sich in der sterilen Umgebung eines Krankenhauses
und der Geruch von Desinfektionsmitteln kratzte unangenehm in ihrer
Nase. Ihre Mutter war aufgesprungen und umarmte sie, ihr Gesicht
war tränenüberströmt. "Was hast Du Dir nur dabei gedacht?", fragte
sie schluchzend. "Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Henrik
Dich nicht rechtzeitig gefunden und einen Notarzt verständigt hätte.
Wobei ich mich trotzdem immer noch frage, wie er in unsere Wohnung
gekommen ist", setzte sie leicht stirnrunzelnd hinzu. Der Genannte
war neben sie getreten und zwinkerte hinter seinen dicken Brillengläsern
leicht nervös, doch Leandras Mutter schien dieses Thema im Moment
offensichtlich nicht fortführen zu wollen. "Schön, daß Du wach bist",
murmelte er. "Ich habe übrigens noch etwas für Dich". Er holte aus
seinem Rucksack ein kleines, alt wirkendes, in Leder gebundenes
Buch hervor. "Es stehen Gedichte darin" wisperte er. "Ich glaube,
sie könnten Dir gefallen. Ganz am Ende des Buches ist ein Gedicht,
das ich selbst geschrieben habe". Leandra nahm das Buch entgegen.
Tief in ihrem Inneren war sie enttäuscht, weil Nikias nicht da war.
Ein wenig lustlos blätterte sie in dem Buch. "Du sagtest doch mal,
Dir würden die Texte unserer Band gefallen". Henrik räusperte sich
verlegen. "Ich habe sie geschrieben, mußt Du wissen. Und das Gedicht
- habe ich mir extra für Dich ausgedacht". Henrik warf Leandras
Mutter, die nun leicht amüsiert lächelte, einen verlegenen Blick
zu. "Naja, ich ähm, gehe nun wohl besser". Er hüstelte. "Ich werde
Dich morgen mal wieder besuchen kommen, wenn Du möchtest..." Leandra
sah ihm nachdenklich nach. So übel würde er eigentlich gar nicht
aussehen, wenn er vielleicht diese scheußliche Brille mal gegen
Kontaktlinsen eintauschen würde, sich die Haare wusch und öfters
mal an die frische Luft ginge...
... to be continued
...
(Jana,
Juni 2001)
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Rückkehr
Ein zufriedenes
Lächeln spielte um Danielas Lippen, als die junge Frau ihre Arbeit
begutachtete. Es gab nun keinen Fleck der kleinen Gaststätte mehr,
der nicht vor Sauberkeit geglänzt hätte. Als sie vor ein paar Tagen
hier angekommen war, war es wirklich ein Gefühl gewesen, als wäre
sie endlich nach Hause gekommen. Obwohl sie diesen Ort vorher noch
nie gesehen hatte, kam er ihr doch sehr vertraut vor. Es war wirklich
ein guter Einfall gewesen, nach dem Tod ihrer Großmutter ihr Gasthaus
in dieser verschlafenen Kleinstadt zu übernehmen. Die Leute waren
hier ganz anders als in der Großstadt aus der Daniela kam und sie
schienen ihre Großmutter wirklich gemocht zu haben, denn gleich
nachdem Daniela angekommen war, hatte die halbe - die weibliche
- Bevölkerung des Ortes sie willkommen geheißen, ihr Kuchen und
andere selbstgebackene Leckereien mitgebracht und jeder hatte ein
paar Minuten Zeit für einen gemütlichen Plausch gehabt, um ihr den
neuesten Klatsch zu erzählen, so daß Daniela wahrscheinlich bereits
jetzt die sorgsam gehütetsten Geheimnisse ihrer neuen Nachbarn kannte.
Natürlich hatte
man auch versucht, sie selbst auszufragen und Daniela hatte bereitwillig
geplaudert, gab es doch in ihrem Leben nicht viel, aus dem man eine
gute Story machen konnte. Nur über die Sache mit Tim hatte sie geschwiegen,
obwohl er eigentlich der Hauptgrund dafür war, daß sie sich jetzt
hier befand. Sie spürte, wie die Trauer wieder in ihr aufstieg als
sie an ihren ehemaligen Freund dachte, aber Wut und Enttäuschung
waren stärker. Unwillkürlich ballte sie die Fäuste. War sie nicht
immer für ihn da gewesen? Hatte sie nicht für ihn gekocht, geputzt
und versucht, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen? Aber niemals
ein Wort des Dankes, bis sie schließlich herausgefunden hatte, daß
er schon seit längerem eine Beziehung mit Carmen hatte, einer unzuverlässigen,
eingebildeten und arbeitsscheuen Gans, die sich immer herausputzte
wie eine Nutte. Das war einfach zu viel gewesen! Er wolle kein braves
kleines Hausmütterchen als Freundin, hatte er ihr später gesagt...
Daniela warf
das Staubtuch, was sie noch in der Hand hielt, zu Boden und atmete
tief ein und aus. Sie sollte nicht mehr daran denken. Schließlich
war es vorbei und vor ihr lag nun ein ganz neuer Anfang! Sie würde
auch ohne Männer zurechtkommen. Ihre Urgroßmutter hatte das schließlich
auch geschafft, als ihr Mann frühzeitig gestorben war und sie, um
sich finanziell irgendwie über Wasser zu halten, diese kleine Gaststube
eröffnete und ihr den fremdartig klingenden Namen "Tir Nan Og" gab.
Daniela bedauerte wirklich, daß sie ihre Uroma niemals kennengelernt
hatte, da sie am Tag vor ihrer Geburt gestorben war. Sie mußte wirklich
eine starke Persönlichkeit gewesen sein, denn zu ihren Zeiten mußte
es für eine alleinstehende Frau noch viel schwerer gewesen sein.
Danielas Mutter hatte nie gut von ihr gesprochen und hatte sie immer
nur respektlos "die verrückte Alte" genannt. Dann hatte sie lachend
gemeint, der Wahnsinn scheine in ihrer Familie wohl ansteckend zu
sein, denn ihre Mutter würde auch immer verschrobener werden. Sie
scheine die einzige Frau in ihrer Familie zu sein, die von diesem
Fluch nicht betroffen sei - und sie hoffe, Daniela würde auch davon
verschont bleiben. Daniela erinnerte sich daran, ihre Oma einmal
gesehen zu haben, als sie noch sehr klein war. Eigentlich hatte
diese einen sehr praktischen bodenständigen Eindruck gemacht, wenn
sie auch einige seltsame Fragen gestellt hatte, z. B. ob sie sich
an ihre Urgroßmutter erinnern würde, die sie ja nie kennengelernt
hatte.
Ihre Mutter
hatte die Kleinstadt jedenfalls verlassen, kaum daß sie volljährig
wurde. Sie hatte gemeint, sie würde es dort einfach nicht aushalten,
bei diesen durchgedrehten Frauen und mit dem ständigen Tratsch der
Leute. Sie hatte auch nicht verstehen können, weshalb Daniela das
Gasthaus nun übernehmen wollte und dafür ihren sicheren Arbeitsplatz
im Büro aufgegeben hatte und ihr geraten, "Tir Nan Og" lieber zu
verkaufen. Grinsend erinnerte sie sich an das heftige Wortgefecht,
das ihrer Eröffnung gefolgt war. Dann schüttelte sie die Erinnerungen
entschlossen ab, schob eine vorwitzige Strähne ihres lockigen braunen
Haares zurück unter ihr Kopftuch und drehte das Eingangsschild um,
so daß dort nun "Geöffnet" stand und wartete auf Kundschaft.
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| *** |
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Ihr erster Gast
war ein hühnenhafter blonder junger Mann, der sich ein wenig unsicher
im Raum umschaute und sie dann eine Weile unverhohlen angaffte,
bis sie ihn lachend fragte, was sie ihm bringen könne. Daraufhin
wurde er rot und gab stammelnd seine Bestellung auf. Daniela fand
die Schüchternheit dieses großen - und ziemlich stattlichen - Mannes
irgendwie anziehend. Weshalb sollte sie die Gelegenheit nicht für
einen kleinen Flirt nutzen?. Die Geschichte mit Tim war schließlich
aus und vorbei - außerdem hatte er in dieser Beziehung ja auch keinerlei
Skrupel gehabt. Nachdem sie ihrem Gast eine riesige Portion Bauernfrühstück
gebracht hatte, setzte sie sich ihm gegenüber an den Tresen und
begann mit einer Haarlocke zu spielen - eine dumme Angewohnheit.
"Wie heißt Du?" ging sie direkt vor. Er starrte sie an, als hätte
sie ihn irgend etwas sehr Intimes gefragt. "Äh, Ben", murmelte er.
"Hast Du heute abend vielleicht schon etwas vor, Ben? fragte sie.
"Es gibt nicht so viele junge Leute hier im Dorf und vielleicht
könntest Du mir ein wenig die Umgebung zeigen..." "Ich... ich..
habe noch etwas zu tun. Muß auf dem Hof helfen, da ist immer viel
zu tun. Äh, tut mir wirklich leid". Damit beugte er sich über seinen
Teller und begann das Essen mit einer solchen Geschwindigkeit in
sich hineinzuschaufeln, daß sich zum Reden keine Gelegenheit mehr
bot. Danach stand er so hastig auf, daß er den Hocker umwarf und
verließ dann fluchtartig das Wirtshaus. Daniela blickte ihm ein
wenig enttäuscht nach. Das hatte sie sich einfacher vorgestellt.
Aber sie gab die Hoffnung nicht so schnell auf. Der würde mit Sicherheit
wiederkommen.
Im Laufe das
Abends kamen noch viele weitere Gäste. Es hatte sich anscheinend
schnell herumgesprochen, daß das Gasthaus nun wieder eröffnet war
und alle waren neugierig. Daniela hatte alle Hände voll zu tun.
Wenn das so weiterging sollte sie sich vielleicht doch eine Aushilfskraft
einstellen. Aber die Arbeit machte ihr so viel Spaß, daß sie kaum
bemerkte, wie die Stunden verstrichen.
Als die letzten
Gäste das Haus weit nach Mitternacht verließen, ließ sich Daniela
erst einmal erschöpft aber zufrieden auf einen Hocker sinken. Stirnrunzelnd
betrachtete sie die Berge von schmutzigem Geschirr. Aber das würde
auch noch bis morgen früh warten können. Ihr fielen bereits die
Augen zu. Mühsam erhob sie sich, um noch die Tür abzuschließen,
als diese sich mit einmal öffnete und eine dürre alte Frau in zerlumpter
Kleidung hereinhuschte. "Ich wollte eigentlich gerade schließen",
meinte sie Daniela unsicher. "Verin?" flüsterte die Alte. "Bist
Du das?" "Wie bitte?" fragte Daniela, die Mühe hatte die leise Stimme
zu verstehen. "Sie müssen mich verwechseln, ich heiße Daniela. Ich
habe die Gaststätte gerade von meiner Großmutter übernommen. "Verin,
Du bist es tatsächlich" murmelte die alte Frau. "Du bist Deiner
Urgroßmutter tatsächlich sehr ähnlich, mein Kind", raunte sie Daniela
zu. "Ich glaube wir müssen einmal miteinander reden". "Sie kannten
Uroma?" fragte Daniela erstaunt, wobei sie bei sich dachte, als
die hagere Alte nun näher musterte, daß diese wohl noch ihre Ururgroßmutter
in der Wiege gesehen haben könnte. Sie konnte sich nicht daran erinnern,
schon einmal einem Menschen gegenübergestanden zu haben, der so
alt aussah, wie diese Frau. "Was wißt Ihr über sie?" fügte sie nun
freundlicher hinzu. "Ich selbst weiß leider nur sehr wenig, denn
sie starb einen Tag vor meiner Geburt und meine Mutter hat kaum
etwas über sie erzählt". Die alte Frau lächelte wissend. Ihre fast
schwarzen Augen bohrten sich nun direkt in Danielas braune. Sie
ging so gebeugt, daß sie sich fast auf der selben Höhe befand, wie
die junge Frau, die kaum 1,50 m groß war. Daniela wich ihrem durchdringenden
stechenden Blick schnell aus. Die alte Hexe kicherte, ein trockener
unangenehmer Laut, der Daniela zusammenzucken ließ. "Worüber wollen
Sie sich nun mit mir unterhalten?" fragte sie ein wenig gereizt.
"Hat das nicht bis morgen Zeit?" Sie gähnte übertrieben. "Nein,
dies ist schon der richtige Zeitpunkt dafür", wisperte die alte
Frau und Daniela lief ein Schauder über den Rücken. "Aber", meinte
die Alte listig "mit ausgetrockneter Kehle redet es sich so schlecht.
Wärst Du vielleicht so gut, mein Kind, mir ein Tässchen Tee aufzusetzen?"
Daniela unterdrückte ein Murren und setzte Wasser auf, während die
alte Frau jeder ihrer Bewegungen aufmerksam folgte. Sie schwieg
die ganze Zeit über, bis Daniela eine randvolle Teetasse vor ihr
auf dem Tisch abstellte, wobei ein wenig über den Rand schwappte,
weil diese Bewegung wohl heftiger gewesen war, als sie es beabsichtigt
hatte. Die unergründlichen Blicke dieser gebeugten Alten machten
sie einfach nervös. Daniela setzte sich ihr gegenüber hin. "Wie
heißen Sie eigentlich?" fragte sie, während sie heftig an ihre Haarlocke
riß, die ihr wieder ins Gesicht gefallen war. "Oh, verzeih". Die
Alte lächelte traurig. "Ich hatte gehofft, daß Du Dich zumindest
daran noch erinnern könntest, Kindchen. Nenne mich einfach Nellie,
so hat Verin mich auch immer genannt, schließlich waren wir gute
Freundinnen". Nach diesen Worten starrte sie gedankenverloren in
ihre volle Teetasse. Daniela begann ungeduldig zu werden. Nellie
hatte die Tasse nun ergriffen und ließ den Inhalt nachdenklich hin-
und herschwappen, wobei wieder etwas über den Rand tropfte. Daniela
räusperte sich geräuschvoll, um ihre Anwesenheit, die die alte Frau
anscheinend vergessen hatte, wieder in Erinnerung zu bringen. "Sie
wollten mir etwas über meine Großmutter erzählen", griff sie das
Thema wieder auf und wickelte die Locke dabei um ihren Zeigefinger.
"Das hat Verin auch immer getan." Daniela zuckte zusammen und ließ
die Strähne los. "Nun, ich werde ganz am Anfang beginnen..." murmelte
sie. Daniela seufzte etwas und beugte sich dann vor, um Nellie besser
verstehen zu können. "Samuel war genau so, wie man sich einen Troll
vorstellt. Groß, kräftig, treu, gewissenhaft - und nicht unbedingt
intelligent..." "Was soll das?" unterbrach Daniela sie leicht grob.
"Willst Du mir ein Märchen erzählen? Und was hat das alles mit meiner
Großmutter zu tun?" Nellie blickte sie tadelnd und auch etwas bekümmert
an. "Du erinnerst Dich wirklich nicht", murmelte sie. "Aber unterbreche
mich nicht ständig, das ist alles ein Teil der Geschichte. In jedem
Märchen steckt auch Wahrheit, mußt Du wissen". Sie lächelte geheimnisvoll.
Daniela starrte resigniert auf die Teetasse, aus der Nellie noch
immer nicht getrunken hatte. Dafür hatte sie nun begonnen, einen
trockenen Keks hineinzukrümeln. Nellie goß noch ein wenig Milch
in ihr Gebräu, nickte dann zufrieden und rührte mit ihrem Löffel
in der Flüssigkeit herum. Dann begann sie zu erzählen.
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| *** |
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Als Paul die
Augen irgendwann wieder öffnete und vorsichtig über den Rand des
Schlittens blinzelte, wurde ihm ein wenig schwindlig. Sie flogen!
Aber die Landschaft, die unter ihnen lag, war dem Jungen völlig
unbekannt. Eine weiße Schneedecke überzog eine eintönige flache
Eiswüste. Unter ihnen bewegte sich etwas. Paul beugte sich noch
ein Stück nach vorne. Ein Eisbär! Aber bevor er darüber staunen
konnte, waren sie schon weitergeflogen. Seine Gedanken bewegten
sich träge. Wo befand er sich? Dann kam ihm eine Idee, auch wenn
sie ihm so abwegig erschien, daß er sie laut vor sich hinmurmelte:
"Am Nordpol... wir sind am Nordpol. Dort wohnt der Weihnachtsmann...."
"Ganz richtig. Du bist ein schlauer kleiner Bursche, aber ein wenig
vorwitzig... Nun ja, das wird sich ändern..." Der falsche Weihnachtsmann
lachte heiser und Paul überlief ein Schauder. "Gleich sind wir da,
Kleiner, und dann wirst Du sehen, was noch kein anderer kleiner
Junge vor Dir gesehen hat - genieße es, so lange Du kannst..." Das
rauhe Lachen hatte sich nun in ein gehässiges Kichern verwandelt.
Kurze Zeit später landeten sie ziemlich unsanft. Ihr Entführer fluchte
wieder und schlug mit seiner Peitsche nach den armen Rentieren.
Mit noch etwas wackligen Beinen verließ Paul den Schlitten, wobei
er über seine Fesseln stolperte und der Länge nach hinfiel. Ihm
wurde mit einem Tritt wieder auf die Beine geholfen.
Staunend betrachtete Paul die Ansammlung bunter Gebäude vor ihm,
die ein wenig wirkten wie aus Zuckerguß oder wie große bunt verpackte
Geschenke. Aber etwas an diesem idyllischen Bild stimmte nicht...
Aus den Schornsteinen drang dicker schwarzer Rauch und ein seltsames
dumpfes Stampfen und metallisches Scheppern war zu vernehmen, wie
der Herzschlag eines riesigen furchteinflößenden Wesens. Es erinnerte
Paul an... verzweifelt versuchte er den Nebel aus seinen Gedanken
zu verdrängen. Dann hatte er den richtigen Gedanken: Ja, es erinnerte
ihn an eine Fabrik!
"Genug geglotzt..." riß ihn die ungeduldige Stimme des Entführers
aus seinen Gedanken und er wurde grob vorwärts gestoßen.
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| *** |
|
"Samuel war
also ein ganz gewöhnlicher Troll. Er lebte in einer Stadt ungefähr
eine Tagesreise von hier entfernt und diente mit ganzem Herzen dem
König, dem er die Treue geschworen hatte. Es waren schwere Zeiten,
denn es gab zu dem Zeitpunkt viele Unruhen im Reich und als die
rechte Hand des Fürsten hatte er viel zu tun und nahm seine Aufgaben
sehr ernst. Da erreichte ihn eines Tages ein Hilferuf. Du mußt wissen,
daß er einst, in einem früheren Leben, einer menschlichen Familie
einen Eid geschworen hatte. Aus welchen Gründen dies geschah, daran
konnte er sich inzwischen nicht mehr erinnern. Weil er aber Schwüre
nicht leicht nahm, folgte er dem Ruf, obwohl er deshalb für einige
Zeit seine Aufgaben im Königreich vernachlässigen mußte, was ihm
überhaupt nicht gefiel. Ein Knabe flehte ihn um Unterstützung an,
der ständig von einigen seiner Schulkameraden herumgestoßen und
verprügelt wurde. Seine Großmutter hatte ihm einst davon erzählt,
daß die Familie einen guten Geist habe, der ihnen in der Not zur
Seite stehen würde und in seiner Not hatte sich dieser Junge keinen
anderen Rat mehr gewußt, als diesen "guten Geist" um Hilfe anzurufen.
Für ihn schien diese Situation unüberwindbar und schrecklich, doch
der Troll ärgerte sich, daß man ihn wegen solch einer Lappalie um
Hilfe gerufen hatte, während sein König ohne ihn zurechtkommen mußte.
Da er sich aber an den Eid gebunden fühlte, den er geleistet hatte,
war er verpflichtet dem kleinen Jungen zu helfen. Er ging also mit
ihm zu dem Anführer seiner Peiniger, der ihm immer am schlimmsten
zugesetzt hatte und verprügelte diesen so, daß der danach tagelang
nicht sitzen konnte. Danach glaubte er seine Schuldigkeit getan
und kehrte an den Hof seines Königs zurück, wo man ihn bereits vermißt
hatte. Nur einige Tage später mußte er jedoch erfahren, daß seine
Tat die Sache für den armen Jungen nur verschlimmert hatte, denn
sein Feind wollte sich dafür an ihm rächen. In blinder Wut schlug
er so lange auf den kleineren Schwächeren ein, bis dieser sich nicht
mehr rührte. Der Junge starb nur einige Stunden später im Krankenhaus
an inneren Blutungen. Als der Troll dies erfuhr, machte er sich
schreckliche Vorwürfe und glaubte seine Ehre verloren. Er konnte
seinen Kameraden nicht mehr in die Augen sehen und schied aus diesen
Gründen aus den Diensten des Königs. Danach suchte er nach einem
einsamen Platz, wo niemand ihn kannte und er über seinen Fehler
nachdenken konnte. Er fand diese Kleinstadt, doch war er nicht der
einzige von uns, der sich dorthin verirrt hatte. In diesem kleinen
Gasthaus, in welchem wir nun heute sitzen, dem "Tir Nan Og", das
zu dem Zeitpunkt gerade eröffnet hatte, lernte er Deine Urgroßmutter
kennen, die eben erst ihren Mann verloren hatte. Anfangs saß er
meistens nur schweigsam in einer Ecke, aber Deiner Urgroßmutter
gelang es, die Mauer, die er nach jenen tragischen Ereignissen um
sich herum aufgebaut hatte, einzureißen. Er verliebte sich in sie,
obwohl sie bereits eine kleine Tochter , Deine Großmutter, hatte
und wenngleich er ihr niemals sein dunkles Geheimnis verriet. Verin
wußte zwar, daß er etwas vor ihr verbarg, drang jedoch nicht weiter
in ihn, denn auch sie selbst hütete ein Geheimnis, das sie bis dahin
noch niemandem anvertraut hatte. Sie hat es mir erst auf ihrem Sterbebett
gebeichtet als ich ihr voraussagte, daß sie in der Gestalt ihrer
eigenen Urenkelin wiedergeboren werden würde. Und nun werde ich
es Dir anvertrauen, mein Kind... Aber ich glaube, Du ahnst es schon,
nicht wahr?!"
|
| *** |
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Daniela zitterte
und wischte sich Schweiß aus ihrem bleichen Gesicht. Erinnerungen,
die verschüttet in ihrem Gedächtnis darauf gewartet zu haben schienen,
sie zu quälen, quollen nun an die Oberfläche. Ihre eigenen Erinnerungen
vermischten sich mit fremden, die ihrer Urgroßmutter gehören mußten.
Alles schien sich um sie herum zu drehen und Nellies Gesicht wirkte
mit einmal nicht einfach nur alt, sondern grotesk und fremdartig.
"Endlich erinnerst Du Dich", hauchte Nellie.
|
| *** |
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Verin hatte
erst spät ihr wahres Wesen erkannt. Als sie entdeckte, daß sie eine
Heinzelfrau war, war sie bereits Mitte 20, verheiratet und hatte
eine kleine Tochter. Ihre Ehe verlief nicht glücklich, denn ihr
Mann erkannte die Opfer, die sie brachte, um für ihn und das Kind
zu sorgen, nicht an. Als sie ihre wahre Identität erkannte, war
das für sie wie eine Befreiung, doch ihr Mann machte alles kaputt,
denn er war sehr eifersüchtig und ließ ihr keinerlei Freiheiten.
Schließlich verbot er ihr sogar, daß Haus zu verlassen und sich
mit Freunden zu treffen. Verin, die am Verzweifeln war, kam eine
letzte Idee. Sie besaß einen kleinen Kräutergarten hinter dem Haus
und kannte sich sehr gut mit Pflanzen aus, so begann sie ihrem Mann
heimlich etwas unters Essen zu mischen. Dieser wurde krank und allmählich
immer schwächer. Jeder bewunderte Verin, die sich so aufopferungsvoll
um ihn kümmerte, obwohl er doch niemals ein gutes Wort für sie übrig
gehabt hatte. Knapp einen Monat später starb ihr Mann. Verin trauerte
nicht allzu lange, was ihr niemand im Dorf verdenken konnte, und
eröffnete dann das "Tir Nan Og". Schnell war sie, obwohl sie einige
kleine Eigenarten besaß, sehr beliebt. Schließlich heiratete sie
einen großen gutaussehenden Fremden und alle freuten sich für sie,
daß sie nun endlich den Richtigen gefunden hatte. Und so lebte sich
noch lange glücklich und zufrieden.
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| *** |
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Daniela wurde
von Schluchzern geschüttelt. "Ist ja gut, Kindchen" beruhigte Nellie
sie. "Jetzt wird alles gut, Du wirst schon sehen." "Ich habe ihn
umgebracht", schluchzte Daniela heiser "Ich habe meinen Freund ermordet,
ganz genau wie Verin". "Pscht..." machte die Alte verschwörerisch.
"Das bleibt unser kleines Geheimnis, einverstanden?"
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| *** |
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Noch lange nachdem
Nellie gegangen war, starrte Daniela auf deren volle Teetasse. Dann
lächelte sie und beschloß noch einen kleinen Spaziergang zu machen,
während draußen die Sonne langsam aufging. Wer weiß, vielleicht
sah sie Ben ja nachher wieder... (Nur zu schade, daß sie wahrscheinlich
miteinander verwandt waren!)
(Jana,
Juni 2001)
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Spiegelbilder
Der Blick der
Frau blieb an dem Globus hängen, der auf dem Nachttisch stand. Sie
drückte auf einen Knopf und die Weltenkugel erstrahlte von innen
heraus in hellem Licht. Sie gab dem Ball einen leichten Stoß, so
daß die verschiedenen Länder langsam an ihr vorbeizogen. "Wohin
mag Dich Dein Weg geführt haben, Sascha?" murmelte sie. Dann ließ
sie ihren Blick weiter wandern, über die Abenteuerbücher und Reiseführer
im Regal, die Landkarten und Bilder von exotischen Ländern, die
über dem Bett hingen.
Sie hatte nie etwas verändert im Zimmer ihres Sohnes, nachdem er
verschwunden war, fast so als warte sie immer noch darauf, daß er
nach all den Jahren eines Tages wieder in der Tür stünde, als wäre
er nie fort gewesen. Bekannte hatten ihr geraten, Saschas Dinge
doch endlich zu verkaufen und die Tatsache zu akzeptieren, daß er
tot wäre. Sie hatten es gut gemeint und gedacht, daß es ihr dann
vielleicht besser gehen würde und sie versuchen könnte, einen neuen
Anfang zu machen. Aber sie hatte die Hoffnung niemals aufgegeben.
Inzwischen hatten sich die meisten ihrer alten Bekannten von ihr
zurückgezogen. Doch das war ihr gleichgültig. Sie wußte einfach,
daß Sascha noch lebte!
Zwar hatte man seinen Rucksack gefunden, aber eine Leiche war niemals
aufgetaucht. Bevor die leerstehenden Buden und alten Karussells
des Freizeitparks im letzten Jahr einem neuen Einkaufszentrum gewichen
waren, war sie häufig dort gewesen, so als könnte sie vielleicht
noch eine Spur finden, die die Polizei damals übersehen hatte. Als
dann das Spiegellabyrinth in tausend Scherben zerfiel, schien auch
in ihrem Inneren etwas zerbrochen zu sein.
Auch wenn ihr alle immer wieder gesagt hatten, es wäre nicht ihre
Schuld gewesen, quälten sie doch bittere Selbstvorwürfe. Hatte sie
ihr Kind jemals wirklich gekannt? Nein, ihr eigener Sohn war immer
wie ein Fremder für sie gewesen! Als alleinerziehende Mutter hatte
sie nie viel Zeit gehabt. Wenn sie - häufig erst spät abends - von
der Arbeit nach Hause kam, war sie immer viel zu erschöpft gewesen.
Wie hatte sie nur so blind sein können, daß sie alle Warnzeichen
übersah? Die Hinweise von Saschas Lehrerin, daß ihr Sohn der Schule
häufig unentschuldigt fernbleiben würde und eine etwas zu lebhafte
Phantasie hätte, hatte sie damit abgetan, daß dies eben nur so eine
Phase wäre, die bald vorübergehen würde. Abends hatte sie dann mit
ihrem Sohn geschimpft: "Was sollen denn die Leute nur von uns denken?
Du hast doch nun wirklich alles was Du brauchst. Den ganzen Tag
arbeite ich hart, um uns ein vernünftiges Leben zu ermöglichen.
Also höre damit auf, den Unterricht zu schwänzen und in der Schule
diese Lügenmärchen zu erzählen!" Kurze Zeit später war Sascha das
erste Mal von zu Hause weggelaufen. Als man ihn endlich gefunden
und wieder nach Hause gebracht hatte, hatte sie ihn angeschrien:
"Willst Du, daß alle Leute denken, daß ich eine schlechte Mutter
wäre? Willst Du, daß das Jugendamt kommt und Dich mir wegnimmt?
Verdammt, sieh mich gefälligst an, wenn ich mit Dir rede und antworte
mir!" Dabei hatte sie sich doch eigentlich nur Sorgen, um ihn gemacht.
Weshalb hatte sie ihn damals nicht in die Arme genommen und ihm
ihre Erleichterung gezeigt?
Die Lehrerin in der Schule hatte dafür gesorgt, daß Sascha einmal
in der Woche zu einer Kinderpsychologin gehen mußte, nachdem er
das zweite Mal von zu Hause weggelaufen war. Sie wußte noch wie
wütend sie damals darüber gewesen war. Ihr Sohn war ein ganz normaler
Junge und was hatten andere Leute für ein Recht einfach zu behaupten,
daß sie wüßten, was das Beste für ihn wäre? Schließlich war sie
doch Saschas Mutter und kannte ihren eigenen Sohn wohl am besten!
Die Psychologin war eine junge Frau gewesen, die selbst keine Kinder
hatte, wie sie vermutete. Wie sollte die ihr schon weiterhelfen
können? Sie haßte es, wenn die Leute sie so mitleidig ansahen. Sie
kam auch sehr gut ohne Mann zurecht. Sascha hatte niemals darunter
leiden müssen! Weshalb nur, hatte sie seine Hilfeschreie nicht gehört.
Ein letzte Mal ließ sie ihren Blick noch durch das kleine Zimmer
schweifen, dann schaltete sie das Licht in dem Globus wieder aus
und schloß leise die Tür zu dem Kinderzimmer hinter sich. "Wenn
Du noch lebst, Sascha, kannst Du mir dann nicht endlich verzeihen?
Habe ich nicht allmählich genug gelitten?" fragte sie verzweifelt.
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| *** |
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Es war ein kleiner
Freizeitpark, eigentlich nur ein Rummelplatz. Er hatte schon vor
einigen Jahren schließen müssen, nachdem in der Nähe ein modernerer
neuer Erlebnispark eröffnet hatte und die Besucher wegblieben. Aber
die Karussells und Buden standen immer noch hier.
Sascha blickte sich ein wenig beklommen um. Einst mußte dieser Platz
vor fröhlichen Menschen gewimmelt haben, aber das machte die jetzige
Stille nur um so unheimlicher. Sein Blick wurde von dem düsteren
Schlund der Geisterbahn angezogen, welcher einer dämonischen Fratze
nachempfunden war. Einen Augenblick lang hatte der Junge das Gefühl,
daß die Gefahren, die hier lauerten vielleicht von anderer Art waren,
als nur ein paar Diebe und Halunken, die sich hier vielleicht heimlichen
Geschäften nachgingen
"Wenn Du wirklich so mutig bist, Prinz Saladin", hatte Jörg gespottet,
"dann gehe nachts einmal dorthin! Ich wette, Du wirst nach einer
halben Stunde heulend angelaufen kommen und nach Deiner Mama rufen!"
Sascha atmete tief ein und richtete sich dann gerade auf. Er hatte
keine Angst! Schließlich war er Prinz Saladin und eines Tages würde
sein Vater kommen, um ihn zu holen - und der wäre sicherlich sehr
enttäuscht, wenn er erkennen müßte, daß sein Sohn ein Feigling war!
Plötzlich nahm Sascha aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Als
er herumfuhr, sah er am Eingang zum Spiegellabyrinth einen schlanken
dunkelhaarigen Mann stehen, der mit seinem schwarzen Frack und dem
hohen Zylinder aussah wie ein Jahrmarktzauberer. Einladend winkte
der Mann ihm zu. Sascha stockte der Atem und er schloß für einen
Moment die Augen. Er kannte dieses Gesicht, ja es schien ihm nur
allzu vertraut!
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| *** |
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Zum ersten Mal
hatte er es gesehen, als er noch sehr klein war. Ein Zirkus war
durch die Stadt gezogen und ein farbenfroh gekleideter "Zigeuner"
mit einem Kopftuch und großen goldenen Ohrringen hatte vor dem Zelt
mit bunten Bällen jongliert. Sascha hatte ihm zugesehen. Dann hatten
sich ihre Blicke plötzlich getroffen und dem Fremden waren daraufhin
alle seine Bälle zu Boden gefallen. Sascha hatte ihm eifrig geholfen,
sie aufzusammeln, woraufhin der Fremde ihn angelächelt hatte. Als
Sascha jedoch später in der Vorstellung nach ihm Ausschau gehalten
hatte, um ihn seiner Mutter zu zeigen, hatte er ihn nicht mehr entdecken
können.
Ein paar Monate später war er mit seiner Mutter in der Stadt gewesen,
weil sie einige Einkäufe erledigen wollte. Er hatte irgend etwas
Interessantes gesehen und war vor einem Schaufenster stehengeblieben.
Als er sich wieder umdrehte, war seine Mutter verschwunden. Ziellos
war er durch die Straßen gelaufen, um sie zu suchen und hatte sich
dabei verirrt. Da war dieser Mann mit einmal wieder aufgetaucht,
auch wenn er dieses Mal wie ein Jogger gekleidet war. Er hatte ihn
einfach an der Hand genommen und ihn durch das Gewirr der Gassen
geführt, bis die Gegend ihm wieder bekannt vorkam. Dann war er einmal
mehr ohne ein Wort plötzlich verschwunden.
Seit jenem Tag hatte Sascha das Gefühl dieses Gesicht überall zu
sehen; einmal schien es einem Straßenmusikanten zu gehören, ein
anderes Mal blitzte es kurz in einer Menschenmenge auf, doch jedes
Mal, wenn Sascha nach dem mysteriösen Fremden gesucht hatte, war
dieser plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.
Später hatte er sich das so erklärt, daß der Fremde wohl ein Bote
seines Vaters sein müsse. Vielleicht war es seine Aufgabe, ihn zu
beschützen und dafür zu sorgen, daß ihm nichts zustieß. Weshalb
aber nahm er ihn nicht endlich mit, wo er sich doch so danach sehnte,
seinen Vater endlich kennenzulernen? Wollte sein Vater ihn am Ende
gar nicht bei sich haben? Aber nein, so durfte er nicht denken!
"Ich bin nicht verrückt", murmelte er vor sich hin, fast als müsse
er sich das erst selbst bestätigen. "Ich weiß, daß mein Vater auf
mich wartet und daß er sich genauso darauf freut, mich zu sehen,
wie ich ihn!" Aber in seinem Herzen nagte nun der Zweifel.
Vielleicht hatte Petra ("Du kannst mich ruhig beim Vornamen nennen.
Immerhin wollen wir doch Freunde werden, oder?") doch recht, und
er hatte sich das alles nur selbst ausgedacht, weil er sich einsam
fühlte... Wenn er ihr seine Geschichten erzählt hatte, waren ihm
diese selbst immer so albern und kindisch vorgekommen. Seine Kinderpsychologin
hatte ihm zwar verständnisvoll zugehört und ihn nie beim Erzählen
unterbrochen, doch er wußte, daß sie ihm nicht glaubte. Und wenn
sie ihn aus mitleidigen verständnisvollen Augen anblickte, kam er
sich auf einmal überhaupt nicht mehr vor wie Prinz Saladin sondern
nur noch wie Sascha, ein einsamer kleiner Junge, der keinen Vater
besaß und dessen Mutter nie Zeit für ihn hatte.
Zögernd näherte sich der Junge dem Eingang zum Irrgarten. Der Mann
mußte darin verschwunden sein. "Was ist, wenn es ein anderer Mann
gewesen ist?" wisperte eine Stimme in seinem Inneren. Vielleicht
ein Kidnapper oder ein wahnsinniger Mörder, der ihn in eine Falle
locken wollte? "Ich habe das Gesicht genau erkannt! Und ich glaube
nicht, daß mir dieser Mann irgendwas antun will. Er hat mir schon
einmal geholfen. Vielleicht will er mir ja etwas zeigen und auf
jeden Fall ist es da drin wahrscheinlich wärmer als hier draußen",
redete er sich Mut zu.
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| *** |
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Nun gab es keinen
Zweifel mehr: Er hatte sich verlaufen! Sascha wußte selbst nicht,
wie lange er nun schon hier umherirrte. Er müßte doch irgendwann
einmal an eine Wand stoßen! Von außen hatte das Labyrinth gar nicht
groß gewirkt, aber innen schien es unendlich zu sein. Plötzlich
blieb er abrupt stehen und lauschte. Waren dort nicht wieder diese
Schritte gewesen? Er schüttelte den Kopf. Nein, er mußte sich das
eingebildet haben. In dem Dämmerlicht, das in den schmalen Gängen
herrschte, hatte er sich nun schon mehrmals vor seinem eigenen Spiegelbild
erschrocken und war daraufhin in hysterisches Gelächter ausgebrochen.
Diese Geräusche würden auch einen ganz natürlichen Ursprung haben.
Ratten vielleicht? Anfangs hatte er mehrmals nach dem Fremden gerufen,
aber dieser mußte wohl woanders verschwunden sein. "Gleich bin ich
draußen. Ich glaube, ich habe einen frischen Luftzug gespürt, dort
vorne muß der Ausgang schon sein!" Sascha versuchte möglichst sachlich
zu reden und tatsächlich beruhigte ihn der Klang seiner eigenen
Stimme ein wenig.
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| *** |
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Als Sascha dem
Luftzug folgte, vernahm er mit einmal ein fröhliches Stimmengewirr,
das sich mit der munteren Melodie einer Drehorgel vermischte. Der
Lufthauch schien den Duft von gebrannten Mandeln und heißen Würstchen
mit sich zu tragen. Sascha spürte, wie sein Magen sich verkrampfte.
Vorhin hatte er eine Pause gemacht, und dabei den letzten Rest seines
Schulbrotes verzehrt. Danach war er eingenickt, aber durch ein unheimliches
Geräusch wieder aufgeschreckt worden. Er war weitergegangen. Als
ihm kurze Zeit später einfiel, daß er seinen Rucksack stehengelassen
hatte, hatte er den Weg zurück nicht mehr finden können. Nun ja,
es waren ohnehin nur Schulbücher darin. Er würde morgen früh, wenn
es hell war, danach suchen. Die Stimmen wurden lauter. Aber woher
kamen sie? Der Platz, den er verlassen hatte, war doch so tot und
still wie ein Friedhof gewesen.
Durch diese Grübeleien abgelenkt, wäre Sascha beinahe gegen einen
Spiegel gelaufen. Doch wer war der Junge, der ihm daraus mit offenem
Mund und weit aufgerissenen Augen entgegenblickte? Schimmerndes
blauschwarzes Haar umgab ein edles schmales Gesicht mit ausdrucksstarken
dunklen Augen unter fein geschwungenen Brauen. Auf dem Kopf trug
der fremde Junge einen reich geschmückten Turban und auch seine
aus fließender Seide bestehende Kleidung war opulent verziert und
mit Goldfäden durchwirkt. An seiner Seite hing ein Krummsäbel in
einer mit Edelsteinen besetzten Scheide. Eine Ausstattung wie sie
jedem Königssohn aus den Märchen von 1001 Nacht angemessen gewesen
wäre. Nur der verblüffte Gesichtsausdruck des jungen Prinzen wirkte
nicht allzu intelligent. "Wer... wie... was...", stotterte Sascha
nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Der hübsche orientalische
Prinz bewegte gleichzeitig die Lippen. Zögernd streckte Sascha die
Hand aus, bis sie gegen eine kalte glatte Oberfläche stieß. Langsam
blickte er an sich selbst herunter, dann wieder in den Spiegel.
Lange stand er dort und weidete sich einfach nur an dem herrlichen
Anblick, strich staunend über sein ebenmäßiges Gesicht und die edle
Kleidung und zog den Säbel aus seiner funkelnden Scheide. Doch schließlich
riß ihn sein knurrender Magen aus seiner versunkenen Betrachtung.
Prinz Saladin ging mit entschlossenen Schritten und ohne zu zögern
in Richtung des Ausgangs.
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| *** |
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Draußen angelangt,
war Saladin von den vielen Lichtern fast geblendet. Alle Buden und
Karussells waren von unzähligen bunten Lampen hell erleuchtet und
dazwischen schob sich eine Menge aus Männern, Frauen und Kindern
von einer Attraktion zur nächsten. Niemand nahm Notiz von dem orientalischen
Prinzen als er sich unter sie mischte. Schnell bemerkte er jedoch
auch, daß niemand auf ihn reagierte, selbst wenn er ihn direkt ansprach.
Fast als wäre er unsichtbar. Saladin ärgerte sich, auf so unhöfliche
Weise ignoriert zu werden! "Ich habe Hunger!" brüllte er schließlich
verzweifelt einen dicken kahlköpfigen Mann an, der Zuckerwatte verkaufte.
Hinter sich vernahm er ein belustigtes Kichern. Erzürnt drehte er
sich um. Wer wagte es nun, sich auch noch über ihn lustig zu machen?
Er hatte seinen Säbel bereits halb aus der Scheide gezogen, doch
als er sah, wer sich dort amüsierte, sank seine Hand kraftlos wieder
herunter. Direkt hinter ihm stand ein Junge, der nur wenig jünger
zu sein schien als er selbst, jedoch wuchsen aus seinem wild in
alle Richtungen abstehenden und verfilzten kastanienroten Haar,
zwei kleine knorrige Hörner; auf dem einen steckte ein rotglasierter
Liebesapfel. Herausfordernd hatte er seine Fäuste in die Seiten
gestemmt und grinste spöttisch. Neben ihm hatte sich breitbeinig
eine bullige Gestalt aufgebaut, bei deren schauerlichem Anblick
Saladins Blick schnell zur dritten im Bunde weiterwanderte, einem
daumenlutschenden kleinen Mädchen mit langen weißen Schlappohren
und weichen braunen Augen, die viel zu groß für ihr schmales Gesicht
zu sein schienen. Er schenkte ihr ein unsicheres Lächeln, schien
sie ihm doch die Vertrauenswürdigste der Drei zu sein. "So wirst
Du niemals satt!" sprach ihn der Gehörnte an. Mit diesen Worten
warf er ihm den zuckerüberzogenen Apfel zu. "Hier nimm!" meinte
er großzügig. "Ich bin Remus, der da heißt Norbert und die Kleine
ist Jenny! Und wer bist Du - Aladin?!" "Ich bin Prinz Saladin!"
"Oh, verzeiht! Es ist mir eine Ehre, Eure Hoheit!" Remus verbeugte
sich spöttisch. Norbert knurrte und spuckte angewidert aus. Saladin
spürte wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Er räusperte sich verlegen
"Ähm, es reicht völlig, wenn ihr mich Saladin nennt" Norbert schnaubte.
Remus legte ihm beruhigend seine Hand auf die Schulter. "Damit eines
klar ist", stellte er fest, "von mir aus kannst Du auch der Kaiser
von China sein, aber hier habe ich das Sagen. Haben wir uns verstanden?"
Saladin nickte eilig, woraufhin Remus sich wieder entspannte. "Dann
sei uns willkommen! Lasse Dir von mir mein Reich zeigen! Du wirst
schon sehen, wie viel Spaß man hier haben kann! Hier gibt es keine
Erwachsenen, die einem ständig alles verbieten!" "Habt ihr keine
Eltern?" fragte Saladin zweifelnd. "Den Erwachsenen sind wir Kinder
doch scheißegal, die sind höchstens froh, daß sie uns endlich los
sind", grummelte Norbert. Das kam Saladin irgendwie bekannt vor
und er schenkte Norbert ein kurzes zögerndes Lächeln. "Ich habe
geschworen, daß ich niemals erwachsen werde", meinte Remus grimmig.
"Erwachsene sind doch nur langweilige Spielverderber!" "Alle Erwachsenen
sind doof", pflichtete Norbert ihm bei. "Meine Mutter aber nicht",
sagte ein lispelnde Stimme leise. Saladin blickte in Jennys große
haselnußbraune Augen. "Meine Mutti ist lieb. Sie ist die allerliebste,
allerbeste Mutter der Welt und überhaupt nicht doof..." Für einen
Augenblick flammten in Saladin selbst Zweifel auf, als er an seinen
Vater dachte. Diese wurden aber von Norberts nächster ruppiger Bemerkung
schnell wieder erstickt (Wenn er seinem Vater wirklich etwas bedeuten
würde, hätte der ihn dann nicht schon längst zu sich geholt, wo
er ihn so sehr gebraucht hätte?) "Und was machst Du dann hier, häh?!"
fragte Norbert das kleine Mädchen unfreundlich. "Laß uns gefälligst
mit Deiner Alten in Ruhe oder gehe endlich nach Hause... Los, verpiss
Dich doch!" Saladin sah wie sich die Jennys Augen mit Tränen füllten
und er blickte Norbert wütend an. Wie konnte der nur so gemein und
herzlos sein?" "Meine Mutter wartet bestimmt schon auf mich und
vermißt mich ganz schrecklich", piepste Jenny. "Morgen gehe ich
nach Hause!" "Das sagst Du doch jeden Tag, Jenny", meinte Remus
genervt. Jenny warf Saladin einen flehentlichen hilfesuchenden Blick
zu. Beim Blick in ihre riesigen unschuldigen Kinderaugen schmolz
sein Herz. "Ich glaube auch, daß Deine Mutter Dich sehr lieb hat.
Du wirst sie bestimmt bald wiedersehen!" flüsterte er ihr zu und
mußte schlucken, als sie ihn vertrauensvoll anstrahlte. "Wenn Du
willst, kann ich Dir alles über meine Mutter erzählen...", bot sie
sich an. "Hebe Dir das für später auf!" unterbrach Remus sie. "Jetzt
wollen wir unserem Neuen endlich den ganzen Park zeigen und dafür
sorgen, daß er etwas zu futtern bekommt!" "Weshalb benehmen sich
all diese Leute hier so, als könnten sie uns nicht sehen?" fragte
Saladin als sie sich in Bewegung setzten. Remus zog die Stirn kraus
und bohrte nachdenklich in der Nase: "Hmm, nun sie sind irgendwie
nur wie die Schatten von richtigen Leuten, wie ihre Spiegelbilder...
Ja, ich glaube Spiegelbilder trifft es besser. Sie sind wie Spiegelbilder,
die ein Eigenleben entwickelt haben". Er zuckte die Schultern. "Naja,
sie tun uns nichts, Du mußt Dich einfach nicht um sie kümmern. Es
gibt nur einen einzigen Platz hier, von dem Du Dich fern halten
solltest". Er senkte die Stimme zu einem Wispern "Das ist die Geisterbahn,
denn dort leben die Monster. Sie warten nur darauf, daß sich ein
neugieriges Kind leichtsinnigerweise hineinwagt..."
|
| *** |
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Eine eigenartige
Rastlosigkeit hatte von Saladin Besitz ergriffen. Wie lange war
er nun schon hier? Er schien jegliches Zeitgefühl verloren zu haben.
Er wußte selbst nicht, woher diese seltsame Unruhe herrührte. In
den letzten Tagen hatte ihn diese Unruhe jedoch zunehmend auch gereizt
gemacht und selbst seine neuen Freunde gingen ihm auf die Nerven
- Remus mit seinem "Ich bin hier der Anführer"-Gehabe, Norbert mit
seiner Verachtung für alles und jeden und sogar Jenny mit ihren
ständigen Erzählungen von ihrer Heile-Welt-Bilderbuchfamilie, auch
wenn ihn bei dem letzten Gedanken ein etwas schlechtes Gewissen
plagte. Jedenfalls wanderte er deshalb jetzt einmal wieder alleine
durch das Gewirr aus Buden, das er inzwischen so gut kannte. Instinktiv
führten ihn seine Schritte wieder zu dem Eingang der Geisterbahn.
Dieser Ort schien im Gegensatz zum restlichen Park immer still und
verlassen zu sein. Trotzdem übte er in der letzten Zeit eine starke
Anziehungskraft auf Saladin aus. Doch jedes Mal, wenn er dann vor
dem dunklen Schlund stand, schwand ihm mit einmal wieder der Mut.
Fast war es als würde diesem weit aufgerissenem Maul eine Kälte
entweichen, die ihm ganz plötzlich bis in die Knochen drang. Dann
fühlte er sich mit einmal wieder eher wie Sascha, als wie Prinz
Saladin.
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| *** |
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Plötzlich blieb
er Saladin, der bis dahin völlig in seine Gedanken versunken gewesen
war, stehen und starrte verwirrt ein Zelt an, das aus mitternachtsblauem
Samt bestand und über und über mit silbernen Monden und Sternen
und seltsamen Symbolen bestickt war.
Konnte es tatsächlich sein, daß er dieses auffällige Zelt bislang
nie bemerkt hatte?
Neugierig schob er den schweren Vorhang ein wenig zur Seite und
spähte hinein.
Durch einen dichten Rauch, der von zahllosen Räucherstäbchen herrührte,
sah er auf einem bequemen Kissen im Schneidersitz einen farbenprächtig
gekleideten
Mann sitzen, der wie das Klischeebild eines sogenannten Zigeuner
aussah und gebannt in eine vor ihm liegende Kristallkugel starrte,
die von innen heraus in einem blauen Licht zu glühen schien. Dann
hob er langsam den Kopf und sah Saladin direkt in die Augen. Dieser
keuchte erschrocken auf, als er den "Zigeuner" erkannte.
Der lächelte nur geheimnisvoll und machte eine einladende Geste
auf ein Kissen, welches ihm gegenüber lag.
Zögernd trat Saladin ein und mußte aufgrund der süßlichen Nebelschwaden,
die ihm entgegenwogten
erst einmal husten.
Sein Blick wurde jedoch sogleich wie magisch von der leuchtenden
Kristallkugel angezogen. Der "Zigeuner" strich sanft mit
seinen langen Fingern darüber und das Glühen wurde heller. Die Kugel
erinnerte ihn an etwas aus seinem früheren Leben... Vor Saladins
innerem Auge formte sich das Bild einer Weltenkugel, die von innen
heraus in einem hellen Licht erstrahlte. Er konnte seine Augen nicht
abwenden...
|
| *** |
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Der "Zigeuner"
war verschwunden als die Bilder in der Kugel endlich verblaßt waren
und Saladin seinen Blick wieder davon hatte lösen können. Aber er
wußte nun, daß er nicht länger bleiben konnte. Er konnte sich zwar
nicht mehr genau daran erinnern, was die Kugel ihm gezeigt hatte,
aber er kannte nun den Grund für seine Unruhe: Er fühlte sich gefangen.
War anfangs noch alles neu und aufregend gewesen, schien nun jeder
Tag gleich zu sein. In den ersten Tagen hatte er es herrlich gefunden,
sich nach Herzenslust, den Magen mit Süßkram vollzuschlagen und
dann so lange Karussell zu fahren, bis ihm schlecht wurde, aber
inzwischen konnte er keine Zuckerwatte mehr sehen. Er wunderte sich,
daß den anderen diese Monotonie nichts auszumachen schien; ja sie
schienen sich kaum noch an den vergangenen Tag erinnern zu können,
geschweige denn daran, daß sie auch einmal ein anderes Leben geführt
hatten.
Saladin hatte schon früher bemerkt, daß man den Park auf normalem
Wegen nicht verlassen konnte. Wenn man sich den Orten näherte, wo
eigentlich seine Grenzen liegen mußten, waren dort nur weitere Buden
und enge Gassen - und irgendwann stellte man fest, daß man wieder
an dem Platz angelangt war, von dem aus man aufgebrochen war. Halbherzig
begann Saladin im Spiegellabyrinth nach einem Ausgang zu suchen,
stellte jedoch jedes Mal mit einer Mischung aus Erleichterung und
Enttäuschung fest, daß es auch dort anscheinend keinen gab. Ein
Teil von ihm fürchtete sich davor, daß er einfach nur wieder Sascha
wäre, wenn er in die andere Welt zurückkehrte. Dennoch wußte er,
daß er verrückt werden würde, wenn er noch viel länger bliebe.
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| *** |
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Dort in einer
Menschenmenge - diese Frau! Saladin braucht eine Weile bis er sie
erkannt hatte. Es war seine Mutter, aber ihr Gesicht wirkte so blaß
und verzweifelt. Suchend blickte sie sich um. Etwas in Saladin zwang
ihn, zu der Frau hinzulaufen. Der Anblick ihres gequälten Gesichtsausdruckes
schnitt ihm ins Herz. Er hatte nur noch den Wunsch, ihr zu helfen.
"Mutter!" rief er. Doch seine Mutter reagierte nicht, sondern wandte
sich von ihm ab und ging mit leerem Blick in eine andere Richtung.
Saladin folgte ihr.
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| *** |
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Er konnte sich
nicht daran erinnern, diesen Weg eingeschlagen zu haben - andererseits
hatte er auch nicht darauf geachtet, wohin er lief - aber plötzlich
ragte vor ihm wieder drohend der Eingang zur Geisterbahn auf. Er
blickte sich um. Seine Mutter war verschwunden. Direkt vor ihm stand
jedoch der rätselhafte Fremde, dieses Mal wieder in der Kostümierung
eines Zauberers. Der Mann lächelte, als er ihn erblickte. "Ich wußte,
Du würdest kommen", stellte er mit tiefer angenehmer Stimme fest.
"Lasse uns diesen Ort nun verlassen. Es gibt so viel, was ich Dir
zeigen möchte". "Aber...meine Mutter", stammelte Saladin. Das Lächeln
wich von dem Gesicht des Unbekannten. "Du mußt Dich entscheiden",
sagte er ernst "entweder Du kehrst zurück zu Deiner Mutter und bist
wieder Sascha oder Du bleibst Prinz Saladin und bereist mit mir
gemeinsam die Welt". Saladin mußte einen Moment wieder an das gequälte
Gesicht seiner Mutter denken, doch schnell kamen ihm all die vielen
anderen Augenblicke in seinem Leben in den Sinn. Nein, seine Mutter
würde wahrscheinlich froh sein, wenn sie ihn los war. "Ich will
mit Dir gehen", sagte er fest. Sein Gegenüber lächelte "Ich wußte
das.", meinte er nur. "Und ich kann wirklich Saladin bleiben?" Der
Mann nickte. "Du weißt nun, wer Du bist und das kann Dir kein anderer
wieder nehmen, so lange Du fest genug daran glaubst". "Und die Geisterbahn
ist der Ausgang? Aber - gibt es dort keine Monster?" "Doch, es lauern
schreckliche Monster dort. Sie sind schon so lange dort, wie die
ersten Kinder hier leben und bewachen das Tor zur anderen Welt vor
denjenigen, die nicht bereit sind hindurchzugehen und die sich davor
fürchten. Wer es allerdings wirklich durchschreiten will, den können
sie nicht aufhalten". Er blickte Saladin einen Augenblick lang durchdringend
in die Augen. "Du fürchtest Dich doch nicht etwa?" Saladin schüttelte
hastig den Kopf. "Gut, dann lasse uns nun gehen". Der Mann griff
nach Saladins Hand. "Warte noch", antwortete dieser. "Was ist mit
meinen Freunden? Können wir sie nicht mitnehmen?" "Das ist leider
unmöglich, aber nun, wo Du den Weg kennst, kannst Du sie später
sicher einmal besuchen." Saladin nickte und warf noch einen letzten
Blick zurück. Tief in seinem Inneren wußte er, daß er seine Freunde
niemals wiedersehen würde.
"Weshalb, hast Du mich eigentlich schon mein ganzes Leben lang verfolgt,
aber nie ein Wort mit mir gesprochen?" fragte er den Fremden, während
er dessen Hand ergriff und die düsteren Gedanken abschüttelte.
"Nun, das ist eine lange Geschichte. Aber wir haben genug Zeit.
Ich will sie Dir erzählen..." Hand in Hand traten die beiden in
die Dunkelheit und waren kurze Zeit später von dem gewaltigen Maul
des Dämons verschluckt.
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(Jana,
Juli 2001)
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Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann?
"Glaubst Du
etwa noch an den Weihnachtsmann? In Deinem Alter wußte ich schon
lange, daß unsere Eltern die Geschenke für uns kaufen! Aber Du bist
wohl nicht nur ein Krüppel, sondern auch geistig etwas zurückgeblieben.
Wahrscheinlich denkst Du auch noch, daß die Bücher über Drachen
und Ungeheuer, die Du ständig liest, alle wahr wären", meinte Rabea
höhnisch. Jannis wußte nicht, weshalb seine Schwester es anscheinend
so genoß, ihn zu verletzen und zu verspotten. Vielleicht schämte
sie sich vor ihren Freundinnen einfach für ihren im Rollstuhl sitzenden
Bruder oder sie war eifersüchtig auf die Zuwendung der Eltern, die
Jannis zwangsläufig in größerem Maße zuteil wurde und auf die er
eigentlich gerne verzichtet hätte, wenn er dafür nur einen einzigen
echten Freund gehabt hätte. Ein wirklicher Freund war alles, was
er sich dieses Jahr vom Weihnachtsmann wünschte und etwas, das ihm
seine Eltern nicht kaufen konnten. Er hatte den Brief in seiner
aller saubersten Schönschrift geschrieben und dem Weihnachtsmann
darin erklärt, daß er all die anderen Dinge ruhig behalten könne
- auch wenn ihn der Verlust der Ritterburg etwas geschmerzt hatte.
Aber dieses Opfer war er bereit zu bringen!
Ach, er wollte sein Leben könnte sein, wie in den Büchern, die er
so liebte. Nicht zum ersten Male fühlte er sich wie der edle, heldenmutige
Ritter, der im Körper eines schwächlichen mißgebildeten Jungen gefangen
war.
Der uralte Sluagh,
der sich im großen Kleiderschrank zwischen nach Mottenkugeln riechenden
Mänteln verborgen hatte, schüttelte sein greises Haupt. Er hatte
alles mit angehört und in einem großen in Leder eingebundenen und
sehr wichtig aussehenden Buch notiert. "Nicht einfach..." murmelte
er, "wahre Freundschaft ist ein kostbares und seltenes Geschenk..."
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| *** |
|
"Hast Du das
Gesicht von dem Mädchen gesehen, als ich dem Kerl den Bart heruntergerissen
habe? Rate, wer der weltbeste Entlarver von falschen Weihnachtsmännern
ist, den es gibt - und außerdem ein schöner und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann in seinen besten Jahren! Was denkst
Du wie viele häßliche und stinkende kleine Rotkappen so einen besten
Freund haben!" brüstete sich Lysander, wobei er seinen Lieblingshelden
Karlsson vom Dach imitierte. Paul, der bei den Worten seines Freundes
nur hilflos die Hände zu Fäusten ballte, dachte bei sich, daß "gerade
richtig dick" das einzige war, was auf seinen Freund zutraf. Er
wollte, Lysander würde ihn nicht ständig daran erinnern, was er
war. Er hatte sich seit seiner Chrysalis in seinem Körper immer
gefangen gefühlt und war mit anderen seiner Art nie gut ausgekommen.
Auch konnte er bei der Erinnerung an das enttäuschte und erschreckte
kleine Mädchen keine Schadenfreude empfinden, aber da er das gegenüber
dem einzigen Freund, den er besaß und der zudem dazu neigte, ziemlich
schnell beleidigt zu sein, nicht zugeben konnte, schwieg er nur.
"Ach, ich sehe schon, der Witz ist mal wieder nicht bis zu Dir durchgedrungen..."
giftete der junge Pooka, wobei seine Schnurrhaare ärgerlich zuckten.
"Du wirst sehen, bald wird uns die Kleine dankbar sein! Der Weihnachtsmann
ist doch sowieso nur eine Erfindung der Erwachsenen, um die Kinder
dazu zu zwingen, brav zu sein!" "Und wenn uns nun wirklich jemand
beobachtet und alles gehört hat, was Du eben gesagt hast?" wagte
Paul zu fragen. Lysander stöhnte und verdrehte die Augen. "Manchmal
frage ich mich wirklich, weshalb ich mich mit einem Ignoranten wir
Dir abgebe!" beklagte er sich.
"Wahrscheinlich wirklich nur aus Mitleid. Irgend jemand muß ja auf
Dich aufpassen. Ich habe einfach ein viel zu weiches Herz..." Paul
wußte zwar nicht, was ein "Ignorant" ist, aber er hörte den beißenden
Spott in der Stimme seines Freundes und zog die Schultern ein. "Sieh
mal..." erklärte Lysander, durch Pauls Unterwürfigkeit versöhnlicher
gestimmt, nun großzügig: "Die Menschen haben so viel Streß in diesen
Tagen. Beobachte nur einmal, wie sie mit verkniffenen Gesichtern
durch die Geschäfte hetzen... Wir heitern sie einfach ein wenig
auf, bringen sie zum Lachen und dazu, den Alltag einmal für ein
paar Momente zu vergessen!" Paul sah seinen Freund, der nun unschuldig
strahlte, nur wieder einmal verblüfft an. Wenn jemand über dessen
rauhe Späße gelacht hatte, mußte ihm das entgangen sein; er erinnerte
sich nur an die Schimpfworte, die ihnen gefolgt waren.
Während sie noch diskutierten hatten sich die beiden Jungen immer
weiter vom Stadtkern entfernt und näherten sich nun der gemütlichen
kleinen Taverne der resoluten Heinzelfrau Olga, wo bestimmt Plätzchen
und heiße Schokolade - samt vieler Ermahnungen und gut gemeinter
Ratschläge - auf sie warteten.
Plötzlich zuckten Lysanders Ohren. "Pssst..." machte er verschwörerisch.
Paul blieb stehen und beobachtete nun auch - sich wie Lysander hinter
eine Mülltonne drückend - die beiden Gestalten, die sich in der
kleinen Gasse, nur ein Stück voraus, unterhielten. Es waren ein
Mann und ein kleines Mädchen, augenscheinlich eine junge Sidhe.
Paul erinnerte sich, sie bei irgendeiner Feierlichkeit schon einmal
gesehen zu haben, auch wenn er nicht wußte, wie sie in eine Gegend
wie diese kam. Es mußte sich um Ailein handeln, die jüngste Tochter
des Barons. Ihr Gegenüber trug ein schäbiges Weihnachtsmann-Kostüm.
Paul sah, wie es in Lysanders Augen funkelte und hielt ihn zurück,
was ihm einen entrüsteten Blick seines Freundes einbrachte. Der
ungepflegte Mann mit dem falschen Wattebart hielt Ailein nun einen
Lolli hin. Das Mädchen lächelte ihn voller naiver kindlicher Freude
an und steckte die Süßigkeit in den Mund.
Wenige Augenblicke später sank sie mit einmal bewußtlos zu Boden.
Paul mußte ein Aufstöhnen unterdrücken und neben ihm atmete Lysander
nun ebenfalls zischend ein, aber glücklicherweise schien der falsche
Weihnachtsmann sie nicht gehört zu haben, weil er zu beschäftigt
damit war, den schlaffen Körper in einem großen Kartoffelsack zu
verstauen, den er dann auf seine Schulter wuchtete, um sich damit
in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg zu machen. "Wir müssen
etwas tun! Wir müssen hinterher und ... helfen!" flüsterte Paul
schockiert. "Müssen wir?" fragte Lysander gedehnt. "Was können wir
denn schon tun? Außerdem finde ich, daß die ganze Sache uns nichts
angeht. Was haben wir denn mit diesem Gör zu schaffen und weshalb
sollten wir einer Sidhe helfen? Wahrscheinlich handelt es sich um
irgendeine Verschwörung oder Intrige... Das sollen die unter sich
ausmachen! Ich finde, wir tun so als ob wir nichts gesehen hätten,
und gehen uns jetzt endlich aufwärmen und eine Kleinigkeit essen".
Paul spürte plötzlich eine unbekannte Wut auf seinen Freund in sich
aufsteigen. Er richtete sich zu seiner ganzen Größe auf und machte
einen drohenden Schritt auf Lysander zu. "Du bist ein elender Feigling!"
grollte er. "Dann gehe ich eben alleine". Er war über sich selbst
erstaunt und erschrocken und wollte sich schon kleinlaut bei seinem
Freund entschuldigen, als er dessen Reaktion bemerkte. Lysander
starrte ihn mit ängstlich aufgerissenen Augen an, als sähe er ihn
zum ersten Mal. Als er jedoch Pauls unsicheren Blick bemerkte, schüttelte
er seine Starre schnell ab und meinte nun eher noch arroganter:
"Natürlich will ich die Kleine befreien, allerdings befürchte ich,
daß Du mir dabei nur ein Klotz am Bein sein wirst... Aber jetzt
leise, sie sind schon da vorne abgebogen, siehst Du?" Damit pirschte
er sich vorsichtig an der Wand entlang. Paul folgte ihm sehr viel
weniger leise, was ihm vorwurfsvolle Blicke von seinem Freund einbrachte.
Allerdings hätten sie sich gar nicht so viel Mühe zu geben brauchen,
denn der falsche Weihnachtsmann schien nicht mit Verfolgern zu rechnen
und hatte nun sogar fröhlich begonnen, ein Weihnachtslied zu pfeifen,
von dem Paul nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob sich um "Stille
Nacht" oder "Oh Tannenbaum" - oder evtl. beide Lieder gleichzeitig
- handelte. Schon kurze Zeit später bog der Entführer auf einen
mit Gerümpel voll gestellten Hinterhof ab.
Bei dem Anblick der sich ihm dort bot, quollen Paul jedoch fast
die Augen aus dem Kopf: In großem Kontrast zu einem Autowrack und
einer gesprungenen Toilettenschüssel stand dort in dem gräulichen
Schneematsch ein großer Schlitten, vor den tatsächlich Rentiere
gespannt waren! Er mußte wohl doch einen unüberhörbaren Laut der
Überraschung von sich gegeben haben, denn mit einmal drehte sich
der Mann in dem schäbigen Weihnachtsmannkostüm ruckartig zu ihm
herum und starrte ihn aus schmalen Augen lauernd an. Paul stand
da wie gelähmt und seine Gedanken überschlugen sich.
Bevor er sich zum Weglaufen entscheiden konnte, war der Mann schon
mit einem Satz bei ihm. Er grinste und zeigte dabei einige gelblichbraune
Zahnstümpfe. Paul schlug fauliger, nach billigem Fusel stinkender,
Atem ins Gesicht. "Hoho, na wen haben wir denn da?" Die Stimme des
Mannes troff nur so von falscher Freundlichkeit und Paul stellten
sich alle Nackenhaare auf. "Sieh nur, was der gute Santa Claus hier
für Dich hat... Du bist doch ein braver Junge nicht wahr?" Damit
hielt er Paul eine große rotweiß-gestreifte Zuckerstange unter die
Nase. Paul schüttelte viel zu hastig den Kopf und stammelte: "Ich...
ich bin gar nicht hungrig. (Wenn nur sein verräterischer Magen nicht
im selben Moment so laut geknurrt hätte!) Außer...außerdem sind
S..süßigkeiten schlecht für die Zähne!" Was für eine dämliche Ausrede
für eine Rotkappe... Wo war denn nur Lysander - dem würde doch bestimmt
etwas einfallen! Paul wandte hilfesuchend den Kopf, aber Lysander
war verschwunden. Ein bitteres Gefühl der Enttäuschung und des Verlassenseins
machten sich in Paul breit. Ein richtiger Freund wäre nicht fortgelaufen
und hätte den anderen in der Patsche sitzen lassen. Hoffentlich
hatte Lysander wenigstens Hilfe verständigt. Die Freundlichkeit
war jetzt aus der Stimme seines Gegenübers verschwunden und sie
klang nur noch hart und drohend: "Du wirst die Zuckerstange jetzt
nehmen, sonst..." Mit einmal hielt er ein langes schartiges Küchenmesser
in der Hand, das er unter dem Mantel hervorgezogen hatte. Paul wußte
keine Möglichkeit, wie er entkommen sollte; seine Gedanken, die
sich vorhin noch überschlagen hatten, schienen nun zu kriechen.
Er griff nach der Süßigkeit. Er wußte zwar selbst nicht, was er
erwartet hatte, aber die Zuckerstange schmeckte herrlich... Der
Mann starrte ihn abwartend an. Als nichts passierte, fluchte er
und zerrte Paul an der Kapuze seines Parkas hinter sich her, wobei
er ihm immer das Messer gegen die Kehle gedrückt hielt. Aus dem
Schlitten holte er ein paar dicke Taue und machte sich daran, ihn
unsanft damit zu fesseln, Paul war inzwischen von dem Gift in der
Zuckerstange doch etwas schläfrig geworden und hatte nicht mehr
die Kraft sich dagegen zu wehren, als er unsanft in den Schlitten
gestoßen wurde und kurze Zeit später der Sack mit der schlafenden
Ailein neben ihn plumpste. Wie durch dicke Watte bekam er mit, daß
sich der Schlitten im Bewegung setzte, dann fielen ihm die Augen
zu.
|
| *** |
|
Als Paul die
Augen irgendwann wieder öffnete und vorsichtig über den Rand des
Schlittens blinzelte, wurde ihm ein wenig schwindlig. Sie flogen!
Aber die Landschaft, die unter ihnen lag, war dem Jungen völlig
unbekannt. Eine weiße Schneedecke überzog eine eintönige flache
Eiswüste. Unter ihnen bewegte sich etwas. Paul beugte sich noch
ein Stück nach vorne. Ein Eisbär! Aber bevor er darüber staunen
konnte, waren sie schon weitergeflogen. Seine Gedanken bewegten
sich träge. Wo befand er sich? Dann kam ihm eine Idee, auch wenn
sie ihm so abwegig erschien, daß er sie laut vor sich hinmurmelte:
"Am Nordpol... wir sind am Nordpol. Dort wohnt der Weihnachtsmann...."
"Ganz richtig. Du bist ein schlauer kleiner Bursche, aber ein wenig
vorwitzig... Nun ja, das wird sich ändern..." Der falsche Weihnachtsmann
lachte heiser und Paul überlief ein Schauder. "Gleich sind wir da,
Kleiner, und dann wirst Du sehen, was noch kein anderer kleiner
Junge vor Dir gesehen hat - genieße es, so lange Du kannst..." Das
rauhe Lachen hatte sich nun in ein gehässiges Kichern verwandelt.
Kurze Zeit später landeten sie ziemlich unsanft. Ihr Entführer fluchte
wieder und schlug mit seiner Peitsche nach den armen Rentieren.
Mit noch etwas wackligen Beinen verließ Paul den Schlitten, wobei
er über seine Fesseln stolperte und der Länge nach hinfiel. Ihm
wurde mit einem Tritt wieder auf die Beine geholfen.
Staunend betrachtete Paul die Ansammlung bunter Gebäude vor ihm,
die ein wenig wirkten wie aus Zuckerguß oder wie große bunt verpackte
Geschenke. Aber etwas an diesem idyllischen Bild stimmte nicht...
Aus den Schornsteinen drang dicker schwarzer Rauch und ein seltsames
dumpfes Stampfen und metallisches Scheppern war zu vernehmen, wie
der Herzschlag eines riesigen furchteinflößenden Wesens. Es erinnerte
Paul an... verzweifelt versuchte er den Nebel aus seinen Gedanken
zu verdrängen. Dann hatte er den richtigen Gedanken: Ja, es erinnerte
ihn an eine Fabrik!
"Genug geglotzt..." riß ihn die ungeduldige Stimme des Entführers
aus seinen Gedanken und er wurde grob vorwärts gestoßen.
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| *** |
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Paul wußte nicht,
wie lange er bereits in dem kleine Verschlag ausgeharrt und versucht
hatte, sich zu entscheiden, was dies alles zu bedeuten hatte, als
seine Mitgefangene endlich wieder zu Bewußtsein kam. Er hatte damit
gerechnet, daß sie anfangen würde, zu jammern und zu weinen, doch
erstaunlicherweise blieb sie sehr ruhig. Nachdem sie ihn mit einem
abschätzigen Blick gemustert hatte, fragte sie ihn erstaunt: "Weshalb
hat man Dich denn gefangen genommen? Ich schätze für Dich wird man
kaum ein hohes Lösegeld bekommen..." Sie runzelte die Stirn. "Ich
werde mich wohl sowieso über diese Unterbringung beschweren... Wenigstens
ein Einzelzimmer hätten sie mir schon geben können!" Paul fiel nun
beinahe der Unterkiefer herunter: "Glaubst Du etwa, daß dies alles
nur ein Spiel ist?" fragte er erstickt. Sie betrachtete ihn erstaunt.
"Das ist wohl Deine erste Entführung..." meinte sie herablassend.
Als wäre das ihre einzige Sorge, fuhr sie sich dann mit den Fingern
durch ihre vollen blonden Locken: "Ich muß fürchterlich aussehen..."
stöhnte sie. "Meine Eltern wären sicherlich entsetzt, wenn sie mich
so sehen würden". "Weißt Du, weshalb man Dich entführt hat?" wagte
Paul zaghaft einzuwerfen. Sie zuckte geziert mit den Schultern.
"Immerhin bin ich die Tochter eines Barons" sagte sie hochnäsig.
"Es gibt sicherlich viele Leute, die sich etwas von meiner Entführung
erhoffen. Aber meine Eltern werden bestimmt nicht auf ihre Forderungen
eingehen, wenn ich so schlecht behandelt werde". "Wir müssen versuchen
zu fliehen..." meinte Paul. "Aber weshalb denn?" fragte Ailein.
"Bestimmt sind meine Eltern bereits unterwegs, um mich zu suchen".
"Wissen sie denn, wo Du bist?" fragte Paul. "Wie kamst Du überhaupt
in diese Gegend?" Für einen Augenblick geriet die Selbstsicherheit
des Mädchens ein wenig ins Wanken. "Ich war mit meiner Schwester
in der Stadt - und bin ihr weggelaufen", gab sie kleinlaut zu und
schob die Unterlippe schmollend ein wenig vor "Immerzu verbieten
sie einem alles. Nichts darf ich alleine machen, ständig sind irgendwelche
Wächter oder Bediensteten um mich herum. Ich darf mich ja noch nicht
einmal alleine anziehen..." Dann schien ihr bewußt zu werden, was
sie Paul soeben anvertraut hatte und sie warf ihm einen so bösen
Blick zu, als habe er sie zu diesem Geständnis gezwungen. "Außerdem
geht Dich das überhaupt nichts an", endete sie abrupt und wandte
ihm dann demonstrativ ihren Rücken zu und sprach danach kein Wort
mehr. Die nächsten Stunden vergingen schweigend.
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| *** |
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Paul schreckte
irgendwann aus dem Halbschlaf hoch, als vor der Tür Schritte zu
hören waren. Er schüttelte Ailein wach, die ihm zum Dank eine Ohrfeige
verpaßte und ihn anzischte: "Fasse mich nicht noch einmal an!" Dann
öffnete sich die Tür quietschend und ihr Entführer steckte den Kopf
herein, wenngleich er nun nicht mehr sein Weihnachtsmannkostüm trug.
Der Spriggan verbeugte sich spöttisch vor Ailein: "Ich hoffe Ihr
hattet einen angenehmen Schlaf, meine Teuerste, und Eure Unterkunft
ist angemessen. Euer Gastgeber wünscht euch nun zu sprechen. Danach
gibt es dann auch etwas zu essen... vielleicht!" Ailein blickte
ihn nur kühl an und erhob sich elegant, doch ihre Stimme klang ein
wenig trotzig als sie erwiderte: "Warte nur bis meine Eltern kommen.
Dann wird Dir Dein dämliches Grinsen noch vergehen!" Davon unbeeindruckt,
scheuchte der Spriggan sie durch die Gänge, allerdings nicht ohne
noch ein paar Andeutungen zu machen, was die beiden erwarten würde.
Ihr Weg endete schließlich in einem behaglich eingerichteten Zimmer.
In einem Kamin prasselte ein Feuer. Davor lag ein Eisbärenfell und
auf einem riesigen Ohrensessel saß ein alter Nöcker. Nachdem sie
eingetreten waren, bedeutete er ihrem Entführer mit einer Geste
das Zimmer wieder zu verlassen und beugte sich dann lauernd zu ihnen
vor. "Ich hoffe, Mike hat euch nicht erschreckt. Seid versichert,
daß ihr keineswegs meine Gefangenen seid, sondern eher meine Gäste",
bemühte er sich um einen höflichen Tonfall. Als die beiden nur abwartend
schwiegen, knurrte er: "Naja, auch gut. Also, Schluß mit der freundlichen
Plauderei. Kommen wir gleich zur Sache... Ihr seid aus einem ganz
bestimmten Grund hier und ihr könnt, verdammt nochmal, dankbar dafür
sein. Ich biete Euch die einzigartige Chance, dabei zu helfen, eine
Menge Kinder sehr sehr glücklich zu machen. Ihr werdet mir bei der
Entwicklung von großartigem neuen Spielzeug zur Hand gehen, das
alle Kinderherzen vor Entzücken höher schlagen läßt... Der Weihnachtsmann
war ein altmodischer, sturer Kerl, müßt ihr wissen, ein seniler
Narr und Dummkopf! Als würden seine verfluchten Puppen und Eisenbahnen
in der heutigen Zeit noch irgendein Kind glücklich machen... Aber
zum Teufel, dieser Tyrann wollte sich keinen unserer gutgemeinten
Ratschläge auch nur anhören..." Paul und Ailein beobachteten, wie
der Nöcker sich langsam in Wut redete. "Wir haben erfunden und getüftelt,
uns für ihn abgerackert aber nichts konnte jemals seine Anerkennung
erringen!" Sein Gesicht hatte sich inzwischen rot verfärbt und die
letzten Worte hatte er fast gebrüllt. Die beiden Kinder vor sich
schien er längst vergessen zu haben, bis ihn Aileins verächtliches
Schnaufen wieder in die Gegenwart zurückrief. Mühsam gelangte er
seine Selbstbeherrschung zurück.
|
| *** |
|
Hungrig schaufelte
Paul auch Aileins Portion des undefinierbaren grauen Breis in sich
hinein, den sie verschmäht hatte. Mit bleichem Gesicht hockte sie
nun an eine Wand gelehnt und schaffte es nicht mehr länger, die
Tränen zurückzuhalten. Paul hatte versucht, sie zu trösten, aber
daraufhin war sie so wütend geworden, daß er diese Bemühungen schnell
wieder aufgegeben hatte. Außerdem fühlte er sich selbst nicht viel
besser.
Stundenlang hatte man sie in einem kahlen Labor mit einem Wirrwarr
von Kabeln und Elektroden an summende und fiepende Maschinen angeschlossen
und gezwungen unter ständiger Beobachtung mit bizarrem mechanischen
Spielzeug zu spielen. Paul hätte sich mit ein paar Steinen und abgebrochenen
Ästen besser amüsiert und weniger gelangweilt. Außerdem konnte man
doch nicht richtig Spielen, wenn man ständig beobachtet wurde...
Er wußte wirklich nicht, ob er so eine Sitzung noch einmal überstand
und Ailein schien ja schon jetzt mit den Nerven vollkommen am Ende
zu sein. Sie waren nicht mehr als Versuchstiere und Paul bezweifelte
fast, daß man sie einfach gehen lassen würde, wenn die Forschungen
abgeschlossen waren. Aber er fühlte sich viel zu erschöpft und innerlich
zu leer, um einen Fluchtplan zu schmieden.
Mit einmal hörte er Geräusche an der Tür. Man würde sie doch wohl
nicht schon wieder für die nächste Untersuchung holen wollen...
Er fühlte sich zu matt, um aufzustehen. Er würde einfach hier liegenbleiben,
sollten sie ihn doch hinaustragen... Plötzlich vernahm er eine vertraute
fröhliche Stimme: "Hey, Du Faulpelz, aufgestanden! Ihr faulenzt
also hier, während ich alles daransetze Euch zu befreien!" Oh, Paul
war noch nie so froh gewesen, diese Stimme zu hören, dennoch konnte
das nur eine Sinnestäuschung sein. "Lysander..." murmelte er ungläubig.
"Wen hast Du denn sonst erwartet", brüstete sich Lysander. "Während
Du Deinen Hunger mal wieder nicht bezähmen konntest und Süßkram
in Dich hineingestopft hast, habe ich mich auf dem Schlitten versteckt".
"Aber wie...?" fragte Paul verwirrt. Lysander grinste. "Wer achtet
schon auf eine kleine schwarze Katze - außer er ist sehr abergläubisch...",
erwiderte er listig. Plötzlich schoben sich weitere Gestalten durch
die Tür und Paul fuhr erschrocken zusammen. "Keine Angst..." meinte
Lysander großspurig. "Darf ich vorstellen - der Weihnachtsmann!"
Ganz so als hätte er dessen Existenz niemals bezweifelt. Der Mann
trat aus den Schatten hervor. Paul schluckte und konnte keinen Ton
hervorbringen. Ja, kein Zweifel, dies war der echte Weihnachtsmann!
Er war nicht ganz so, wie der Weihnachtsmann in der Werbung oder
die falschen Weihnachtsmänner in den Kaufhäusern, denn es war nichts
großväterliches oder gemütliches an ihm und er war auch nicht so
dick, sondern von seiner ganzen Gestalt her ehrfuchtgebietend und
beeindruckend. Trotzdem war er ganz genauso wie Paul ihn sich immer
vorgestellt hatte. Und jetzt spielte um seinen Mund ein freundliches
Lächeln und er meinte mit einer sehr tiefen, vollen Stimme: "Dein
Freund hat mich tatsächlich gerettet. Gerettet vor meinen eigenen
Leuten, denen ich vertraute..." fügte er in dem Tonfall eines Vaters
hinzu, den seine Kinder enttäuscht hatten. "Ich bin wohl einfach
zu naiv gewesen", fuhr er mehr zu sich selbst gewandt fort, "aber
ich kann es immer noch nicht fassen, wie man mich und meine Vertrauten
hinterging. Meine Köchin steckte unter einer Decke mit den Aufrührern.
Von ihr hätte ich das wirklich am wenigsten vermutet. Sie hat uns
etwas in unser Essen gemischt. Als wir wieder erwachten, fanden
wir uns gefesselt und eingeschlossen in einem Lagerraum wieder.
Aber euer Freund hier belauschte ein Gespräch, durch das er erfuhr,
wo wir gefangengehalten wurden und stahl den Schlüssel. Wir konnten
die überraschten Rebellen schnell überwältigen". Er lächelte wieder.
"Aber nun zu euch Dreien. Ihr seid sehr tapfer gewesen und habt
einiges durchmachen müssen, deshalb will ich Euch belohnen". Er
machte eine einladende Geste. "Nach einer ordentlichen Mahlzeit,
darf sich jeder von Euch aus meinen Lagern etwas auswählen."
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| *** |
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Wieder saßen
die Drei in dem fliegenden Rentierschlitten, dieses Mal allerdings
wesentlich bequemer als bei der Hinreise. Lysander trug eine viel
zu große Faschingsbrille mit angeklebter Pappnase, mit der er ausgesprochen
dämlich aussah und kicherte die ganze Zeit über. Paul wollte er
nicht hindurch gucken lassen. Ailein hielt einen Handspiegel und
richtete sich die Haare, während der Spiegel ihr Komplimente über
ihr Aussehen machte, von denen sie scheinbar gar nicht genug bekommen
konnte. Nur Paul hatte das Angebot des Weihnachtsmannes abgelehnt.
Das was er sich wirklich wünschte, konnte dieser ihm sowieso nicht
schenken. Als er dem Weihnachtsmann ins Ohr geflüstert hatte, daß
sein einziger Wunsch ein wahrer Freund wäre (er hatte geflüstert,
damit Lysander nichts davon mitbekam, doch der hatte anscheinend
sowieso anderes im Kopf), hatte dieser nachdenklich den Kopf gewiegt.
Dann hatte er geheimnisvoll gemeint: "Vielleicht geht Dein Wunsch
doch noch in Erfüllung, Paul..."
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| *** |
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Heiligabend
war gekommen und vorübergegangen, ohne daß sich Jannis sehnlichster
Wunsch erfüllt hatte. Er hatte zwar die Ritterburg bekommen, aber
noch keine Lust gehabt, alleine damit zu spielen. Nun saß er am
Fenster und hielt das Buch auf den Knien, das ihm sein Onkel geschenkt
hatte. Ein Märchenbuch... Er seufzte. "König Artus und die Ritter
der Tafelrunde" wären ihm lieber gewesen, aber das hatte er seinem
Onkel ja nicht sagen können, also hatte er so getan, als würde er
sich über die in fleckiges Leder eingebundene Antiquität freuen.
Naja, er konnte ja mal einen Blick hineinwerfen. Puh, die Seiten
waren bereits vergilbt und diese schnörkelige Schrift konnte er
kaum entziffern. Tatsächlich wirkte das Buch wie handgeschrieben,
mit verzierten Anfangsbuchstaben... Mühsam begann Jannis zu lesen:
"Es war einmal..."
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| *** |
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Zur gleichen
Zeit in einem anderen Teil der Stadt, saßen Lysander und Paul in
der Taverne der Heinzelfrau Olga und Lysander, der sich behaglich
vor dem Kamin räkelte, erzählte zum wiederholten Male die glorreiche
Geschichte, wie er alleine Weihnachten gerettet hatte. Die Tatsache,
daß weder er noch Paul sich noch an Einzelheiten ihres Abenteuers
genau erinnern konnten - es erschien ihnen wie ein ferner Traum,
der nach dem Aufwachen schnell verblaßt war - nutzte er weidlich
dafür aus, die Geschichte genüßlich auszuschmücken und sich dabei
noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Paul schwieg dazu und unterließ
es, Lysander daran zu erinnern, daß dieser anfänglich vorgeschlagen
hatte, schnell das Weite zu suchen.
Lysander war nach ihrer Rückkehr fast so etwas wie ein Held geworden.
Der Baron, Aileins Vater, hatte ihn eingeladen, um ihm persönlich
zu danken und auch wenn Lysander behauptete, ihm würde nichts am
Dank dieser aufgeblasenen Schnösel liegen, trug er seine Nase seitdem
noch ein wenig höher. Und auch wenn er immer von Ailein als einem
"verwöhnten Gör" schimpfte, hatte Paul das Gefühl, daß ihm ihre
bewundernden Blicke ausgesprochen gut gefielen.
Gerade als sich Lysanders Geschichte einem furiosen Finale näherte,
wurde die Tür aufgerissen und ein Schwall kalter Luft strömte hinein.
Lärmend bahnten sich drei in Motorradkleidung gehüllte Rotkappen
ihren Weg in die gemütliche Wirtsstube. Paul machte sich so klein
wie möglich, in der Hoffnung, daß die Drei ihn nicht entdecken würden.
Olga verschränkte ihre Arme vor der Brust und setzte eine steinerne
Miene auf. Wenn sie Angst hatte, sah man es ihr wirklich nicht an.
"Ihr hat Hausverbot! Ihr wißt schon weshalb," erinnerte sie die
drei Jugendlichen streng, "außerdem habt ihr vergessen euch die
Schuhe abzutreten als ihr hereingekommen seid! Schaut nur, wie der
Boden aussieht..." Zu Pauls Erstaunen putzten die Drei daraufhin,
wenn auch unter leisem Murren, brav ihre Stiefel ab. "Wir wollten
nur fragen, ob jemand von euch Ahnung hat, was dieses Theater da
draußen bedeutet! Da kommt man sich ja vor wie im Märchenwald",
knurrte der Anführer der Bande und der Rest nickte bekräftigend.
"Ja ja, wirklich, da draußen laufen Viecher herum, die echt einem
Märchenbuch der Gebrüder Grimm entsprungen sein müssen..." "Ein
Märchenbuch?" fragte die Eulen-Pooka Luna nachdenklich und rückte
ihre dicke Hornbrille auf der Nase zurecht. " Das erinnert mich
an etwas. Da war nämlich vorgestern ein Mann in meinem Laden (Sie
führte einen kleine Antiquitätenshop, der sich nur wenige Straßen
weiter befand), der nach einem Geschenk für sein Patenkind suchte.
Ich habe versucht, ihm ein Stück der Arche Noah, den Heiligen Gral
und einen Zauberspiegel zu verkaufen, aber er wollte nur dieses
olle staubige alte Buch haben, daß ich zuvor noch nie in meinem
Laden gesehen habe". Sie seufzte. "Es war übrigens ein sehr altes
Märchenbuch, wirkte handgeschrieben... er hat einen schönen Batzen
Geld dafür hingelegt!" Der Anführer der Bande johlte begeistert.
"Machen wir uns auf die Suche nach diesem Zauberbuch, Jungs! Los,
spielen wir ein wenig "Rotkäppchen und der böse Wolf", nur dieses
Mal andersherum!" Gröhlend verließen die drei Gangmitglieder die
Taverne. "Schließt gefälligst die Tür hinter euch", brüllte ihnen
Olga aufgebracht hinterher. "Los, wir machen uns auch auf die Suche!"
rief Lysander abenteuerlustig und mit aufgeregt blitzenden Augen.
Immerhin war er ja jetzt ein Held. Wie immer folgte Paul ihm widerspruchslos.
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| *** |
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"Schau einmal,
hier ist eine Spur aus Brotkrümeln auf dem Boden!" rief Lysander
enthusiastisch. "Wie in Hänsel und Gretel. Komm wir folgen ihr!"
Sie brauchten der Fährte nicht allzu lange folgen, bis sie an das
Lebkuchenhaus gelangten. "Komme bloß nicht auf die Idee, davon zu
naschen. Denke an die Hexe", ermahnte Lysander Paul streng, der
schuldbewußt seine Hand zurückzog. Neugierig spähte Lysander durch
ein Fenster. Was er sah, schien ihn zu verblüffen. Paul drängte
ihn ein Stück zur Seite, damit er auch sehen konnte. In dem Raum,
in den sie blickten, stand ein Käfig, nicht unähnlich einem großen
Vogelkäfig, und in dem Käfig hockte - Ailein! "Wie kommt die jetzt
wieder hierher?" murmelte Paul. Wir müssen sie retten!" beschloß
Lysander. "Harre aus, holde junge Maid, denn hier kommt der weltbeste
Jungfrauenretter!" Paul starrte ihn nur ungläubig an. Es gab gar
keinen Zweifel, daß Lysander die Geschichte zu Kopf gestiegen war.
"Los, Du Angsthase, die Hexe ist gerade nicht zu Hause!" ermunterte
der Pooka seinen Kameraden. "Hoffen wir es..." murmelte Paul nur
und schlich hinter Lysander her. Die Tür war nur angelehnt und einen
Augenblick später standen sie ratlos vor dem massiven Käfig. Plötzlich
lächelte Lysander triumphierend. "Na los, Du mußt die Stäbe durchbeißen,
Du Idiot, aber beeile Dich!" meinte er ungeduldig.
Mit dieser Methode hatten sie es einen Augenblick später tatsächlich
geschafft. "Jetzt schnell weg hier!" meinte Lysander erleichtert
und faßte Ailein an einer Hand, was diese sich widerspruchslos gefallen
ließ. "Du bist wohl mal wieder ausgerissen, was?", konnte Paul es
sich nicht verkneifen, zu fragen. Ailein streckte nur ihre Nase
in die Luft und tat als wäre er nicht vorhanden. Auf dem Weg zur
Tür trat Lysander fast auf eine weiße Maus, die laut und erschrocken
quiekte. Ailein kicherte. "Vor euch waren schon drei andere hier.
Aber die Hexe hat sie erwischt, als sie von den Lebkuchen naschten
- und dann hat sie sie in Mäuse verwandelt!" Paul sah, wie Lysanders
Gesicht einen verklärten Ausdruck annahm und seine Schwanzspitze
vor Vergnügen zuckte. "Keine Zeit jetzt, wir müssen weg", flehte
er seinen Freund an.
Aber es war schon zu spät. Vor dem Lebkuchenhaus hörten sie die
schrille Stimme der Hexe: "Wer knuspert an meinem Häuschen?" Die
drei Kinder sahen sich angsterfüllt an. Gleich würden sie auch Mäuse
sein - falls die Hexe gerade keinen Appetit hatte... Doch dann vernahmen
sie eine andere Stimme: "Haltet ein in Eurem schändlichen Tun. Im
Namen von König Artus. Ich bin Lancelot, sein Ritter!" Lysander,
Paul und Ailein stürmten zum Fenster, um zu sehen, was passierte.
Die Hexe war tatsächlich vor einem Ritter in strahlender Rüstung,
der auf einem schneeweißen Schimmel ritt, auf die Knie gesunken.
"Ich hatte nicht vor, diesen Kindern etwas anzutun", erwiderte sie
demütig. "Ich dachte nur, daß sie vielleicht hungrig wären und hatte
vor, sie zum Essen einzuladen. Weshalb wird nur immer allen Hexen
unterstellt, daß sie nur Schlechtes im Sinn hätten?" "Nun, Ihr mögt
gehen", entschied der Ritter großmütig, "aber versucht so etwas
nicht noch einmal!" Dann wandte er sich den Kindern zu, die immer
noch am Fenster standen. "Ihr seid nun sicher. Mein Herr und Gebieter
würde sich allerdings freuen, wenn ihr heute abend seiner Gesellschaft
beiwohnt!" "Tut mir leid", lehnte Ailein diese Einladung würdevoll
ab, aber meine Familie vermißt mich sicher bereits". "Kommst Du
noch mit?" fragte sie Lysander und himmelte ihn bewundernd an. Paul
schenkte sie keinen Blick. Lysander nickte und die beiden verschwanden,
ohne sich noch einmal umzusehen. Lancelot wartete geduldig und half
Paul dann auf sein Pferd.
|
| *** |
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Die Straßen,
durch die sie ritten, waren menschenleer. Alle saßen nun wohl mit
ihren Familien zusammen beim Essen und feierten Weihnachten. Paul
sah die Lichter und schemenhaften Gestalten hinter den Vorhängen,
hörte fröhliche Stimmen, und fühlte sich einsamer als je zuvor.
Er hatte nie eine richtige Familie gehabt. Bevor er fünf Jahre alt
war, war er seinem trunksüchtigen Vater, der Frau und Kinder schlug,
weggenommen und in ein Heim gesteckt worden. Seit seiner Chrysalis
lebte er nun bei Olga, aber auch sie duldete ihn mehr unter ihrem
Dach - so lange er den Mund hielt und keinen Schmutz hereinbrachte
- als daß sie eine Mutter für ihn gewesen wäre. "Wir sind da", riß
Lancelot Paul schließlich aus seinen trüben Gedanken und setzte
ihn sanft ab. Der Junge stand vor einem Einfamilienhaus, das recht
wohlhabend wirkte.
Doch um das Haus herum befand sich eine undurchdringliche Mauer
aus einer seltsamen weißen Masse. "Wie soll ich da hindurchkommen?"
fragte Paul Lancelot, doch dieser war verschwunden. Paul trat einen
Schritt auf die seltsame Mauer zu und steckte zögernd seine Hand
aus. Weich... klebrig... vorsichtig führte er den Finger zum Mund.
Dann mußte er lachen, obwohl er eigentlich so traurig war. Brei,
süßer Brei! Kauend begann er sich seinen Weg zu bahnen.
|
| *** |
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Jannis fuhr
erschrocken von seiner Lektüre hoch, als Rabea ins Zimmer stürmte.
"Du hast Besuch!" verkündete sie und klang dabei so erstaunt, als
könne sie das selbst noch nicht so ganz glauben. "Der Typ erkundigte
sich nach einem Lancelot". Sie kicherte. "Das ist doch einer von
Deinen komischen Rittern, nicht?! Nennt ihr euch gegenseitig so?
Eine lustige Vorstellung: Lancelot Hinkebein, der auf seinem treuen
Rollstuhl, nur mit einer Krücke bewaffnet, auf Drachenjagd geht!"
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(Jana,
Juni 2001)
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Wiedersehen
Neugierig
öffnete Carolin den Karton. Auf dem Hof hatte er all die Zeit über
auf dem Dachboden gestanden und war in Vergessenheit geraten. Ein
paar staubige, zerschlissene Kuscheltiere, einige Kinderbücher und
- ganz zuunterst - ein paar alte Fotos.
Lächelnd besah Carolin die Bilder, auf denen zwei Mädchen zu sehen
waren, die beide schwer zu zähmendes dichtes rotes Haar, viel zu
viele Sommersprossen und offene fröhliche Züge hatten. Auf den Fotos
posierten die beiden Mädchen, ungeschickt geschminkt, mit Hüten
und Kleidern, die ihnen viel zu groß waren.
Wie es ihrer Zwillingsschwester Carola in den letzten Jahren wohl
ergangen war? Carolin hatte gehört, daß sie ungefähr zur selben
Zeit geheiratet hatte wie sie selbst. Sie war nicht zur Hochzeitsfeier
eingeladen gewesen. Ob Carolas Ehe wohl glücklicher verlaufen war
als ihre eigene? Irgendwie hatten ihre Wege sich getrennt. Und keine
von beiden war letztendlich eine Schauspielerin geworden, wie sie
es sich als junge Mädchen erträumt hatten.
"Weshalb eigentlich nicht?", fragte sich Carolin. Warum hatte sie
später nie mehr daran gedacht? Die Idee war ihr wohl einfach albern
vorgekommen. Es waren Flausen gewesen, wie sie nur ein Teenager
im Kopf haben konnte. Alle jungen Mädchen wünschten sich doch schließlich,
einmal ein berühmter Filmstar zu sein, ein umschwärmtes Model oder
so etwas. Und dann war Henning aufgetaucht und sie war ihm auf den
Bauernhof gefolgt, den er von seinen Eltern übernommen hatte. Anfangs
hatte ihr dieser Gedanke sogar gefallen, aber sie hatte schnell
feststellen müssen, daß die Realität sehr viel weniger idyllisch
und mit viel harter Arbeit verbunden war. Irgendwann hatte sie den
Gedanken nicht mehr ertragen, dass das schon alles sein sollte,
was ihr das Leben zu bieten hatte.
Sie blickte wieder auf das Foto hinunter. Ja, morgen, würde sie
sich gleich einmal umhören gehen. Vielleicht fand sie irgendwo eine
Statistenrolle und wer weiß... Sie war nun schließlich frei, zu
tun was sie wollte.
Wenn sie sich dabei nur nicht so alleine gefühlt hätte... Wenn doch
nur Carola bei ihr gewesen wäre, wenn es wieder so sein könnte wie
früher, als sie sich gegenseitig immer mit ihrer Begeisterung angesteckt
hatten!
Carolin wühlte weiter in dem Karton. Plötzlich schrie sie unterdrückt
auf und fluchte dann. Sie hatte sich ihren Finger an einer scharfkantigen
Muschel aufgeschnitten. Als sie die Muschel aufhob, durch die eine
Lederschnur gefädelt war, überfluteten plötzlich Erinnerungen ihr
Gedächtnis. Carola und sie waren 15. Es war Sommer. Jener Sommer,
der alles verändern sollte...
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| *** |
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"Aber
Mama", protestierte Carolin "mir geht es wirklich schon wieder so
gut, daß ich morgen fahren kann!" "Wenn Carolin nicht mit auf die
Klassenfahrt kommt, bleibe ich lieber auch hier!" meinte Carola
leicht bedauernd aber nichtsdestoweniger entschlossen. Ihre Mutter
seufzte genervt. "Zum letzten Mal: Carolin wird nicht fahren. Der
Arzt hat gesagt, sie müsse sich noch ausruhen. Und damit basta.
Und Du Carola wirst trotzdem an der Fahrt teilnehmen. Immerhin ist
es eine Pflichtveranstaltung. Himmel, ihr beiden hängt auch wie
Kletten aneinander... Es sind doch noch nicht einmal 14 Tage - die
werdet ihr wohl mal ohne einander auskommen". "Fahre ruhig. Du kannst
mir ja hinterher alles ganz genau erzählen - und auf jeden Fall
mußt Du mir eine Karte schicken!" "Hmm, wenn Du meinst. Ich schicke
Dir bestimmt mehr als nur eine Karte - und erzähle Dir hinterher
jedes Wort, was Ferdinand gesagt hat, das verspreche ich Dir!" Carolin
kicherte ein wenig, auch wenn sie tief in ihrem Inneren doch etwas
verletzt war, daß es so schnell gegangen war, Carola zu überreden.
Und daß ihre Schwester Ferdinand erwähnte, hatte ihr einen zusätzlichen
Stich versetzt. Immerhin würde Carola nun zwei Wochen mit Ferdinand
zusammen sein... Die beiden Mädchen standen sich so nahe, daß sie
in der Schule sogar den gleichen Jungen umschwärmten (der unglücklicherweise
keinen ihrer Annäherungsversuche zu bemerken schien). Sie hatten
sich darauf geeinigt, daß sie ihn beide heiraten würden, ob er das
nun wollte oder nicht. Schließlich konnte das Zwillingspaar sich
auch nicht vorstellen, daß sie selbst einmal getrennte Wege gehen
würden. Und auseinanderhalten konnte sie sowieso niemand, häufig
nicht mal ihre eigene Mutter - wie sollte Ferdinand es da gelingen?
Leicht mürrisch betrachtete Carolin schließlich wie Carola mit freudiger
Aufregung, die Sachen für ihre Reise zusammenpackte und dabei immer
wieder fragte, ob es Carolin auch wirklich nichts ausmachen würde,
daß sie zu Hause bleiben müßte und ob sie dies oder das mitnehmen
könnte, ob Carolin es auch ganz bestimmt nicht brauchen würde...
Carolin beteuerte wiederholt, daß es sie ganz bestimmt nicht stören
würde (Ach, die paar Tage gehen doch schnell vorbei... und dann
erzählst Du mir alles. Nein, das werde ich bestimmt nicht brauchen,
nimm es ruhig mit.) und erwartete die ganze Zeit, ja hoffte fast,
daß ihre Schwester die Wahrheit erkennen würde. Sonst merkte diese
immer, wenn es ihr schlecht ging und konnte jeden ihrer Gedanken
problemlos lesen. Vielleicht war das schon der erste Schritt gewesen,
der zu ihrer Entfremdung geführt hatte. Wenn Carolin nun darüber
nachdachte, erschienen ihr diese Anzeichen ganz offensichtlich.
|
| *** |
|
Die
Tage waren quälend langsam dahingeschlichen. Carolin hatte sich
schnell erholt und hätte an sich nicht die ganze Zeit zu Hause bleiben
müssen, aber ohne ihre Schwester wußte sie einfach nichts mit sich
anzufangen und auch, wenn sie sonst keine Probleme damit hatte,
fühlte sie sich alleine plötzlich schüchtern, verletzlich und gar
nicht so selbstbewußt wie in Carolas Gegenwart. Sie waren vorher
noch nie getrennt gewesen. Carolin versuchte sich zwar mit dem Gedanken
zu trösten, daß es ihrer Schwester bestimmt auch nicht anders gehen
würde und malte sich in strahlendsten Farben die Wiedersehensfreude
aus, aber in ihrem Herzen begannen Zweifel zu nagen, als nach einer
Woche noch immer keine Karte im Briefkasten lag, den sie sicherheitshalber
mehrmals täglich kontrollierte. Zwar schalt sie sich selbst eine
Närrin und sagte sich immer wieder, daß eine Karte verlorengehen
konnte oder daß Carola vielleicht einfach noch keine Zeit zum Schreiben
gefunden hatte aber der Gedanke, daß Carola sich amüsierte und vielleicht
sogar mit Ferdinand flirtete, während sie zu Hause saß und sich
langweilte, wollte sie einfach nicht loslassen und als noch weitere
Tage verstrichen, stellte sie erschrocken fest, daß sie neidisch
war und wütend auf Carola, weil diese sich ohne sie amüsierte. Dabei
hast Du doch selbst Deine Schwester ermuntert, alleine zu fahren,
flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren und Carolin schämte sich
ihrer Mißgunst wegen.
|
| *** |
|
Dann
war endlich der große Tag gekommen und Carolin versuchte, ihren
Groll hinunterzuschlucken, als sie Carola entgegenlief und sie umarmte.
Dann standen sie sich gegenüber und sahen sich eine Weile nur stumm
an. Dieses Schweigen hatte etwas Verlegenes. Es war ein Gefühl,
das Carolin ihrer Schwester gegenüber bisher völlig fremd gewesen
war. Nach kurzer Zeit wandte Carola den Blick ab.
Den ganzen Abend war sie sehr einsilbig und beantwortete Carolins
Fragen nur kurz angebunden. Eigentlich hatte Carolin nicht gleich
an diesem Tag fragen wollen, weshalb Carola nicht geschrieben hatte,
doch deren beharrliche Schweigsamkeit verletzte sie und die Frage
klang aus dem Grunde wohl vorwurfsvoller, als Carolin es beabsichtigt
hatte. Doch selbst das schien Carola nicht aufzufallen. Sie wirkte
in Gedanken versunken und abwesend. Carolin spürte nun ganz deutlich,
daß irgend etwas nicht stimmte. Irgendwas war passiert während der
zwei Wochen, über das Carola anscheinend nicht sprechen wollte.
Etwas Fremdes war an ihr, das Carola nicht benennen konnte und aus
dem sie nicht schlau wurde.
An diesem Abend fiel es ihr sehr schwer einzuschlafen. Sie fühlte
sich, als hätte man einen Teil ihrer selbst aus ihr herausgerissen
und furchtbar einsam. Neben sich hörte sie Carola tief und friedlich
atmen.
|
| *** |
|
Der
nächste Tag war nicht besser.
Carolin fielen schnell die Blicke auf, die Carola und Ferdinand
einander zuwarfen und in ihr erwachte die Eifersucht. Nun kannte
sie also den Grund für das befremdliche Verhalten ihrer Schwester.
Auf dem Schulhof stand Carola während der großen Pause dann mit
Ferdinand und seiner Clique in einer Ecke und unterhielt sich leise
und angeregt mit ihnen. Als Carolin sich dazu gesellen wollte, verstummte
das Gespräch mit einmal und man warf ihr mißtrauische Blicke zu.
Auch Carola schien nicht erfreut zu sein, sie zu sehen, obwohl sie
das zu überspielen versuchte. In der darauf folgenden Pause, stellte
sich Carolin dann zu einer anderen Gruppe kichernder Mädchen aus
ihrer Klasse, die sie neugierig anstarrten. Carolin begann sich
unter diesen Blicken schnell so unwohl zu fühlen, daß sie den Rest
der Pause auf dem Klo verbrachte und gegen die Tränen kämpfte.
Auf dem Rückweg rang sie mit sich selbst. Die Frage, die ihr eigentlich
auf der Zunge lag, war "Bist Du jetzt mit Ferdinand zusammen?" Aber
sie konnte sich einfach nicht überwinden diese Worte auszusprechen.
Stattdessen fragte sie "Dieser Muschelanhänger, den Du trägst -
hat Ferdinand den Dir geschenkt?" Carola zuckte betont lässig mit
den Schultern. "Ja, der ist von ihm!" Sie strich zärtlich und besitzergreifend
mit den Fingerspitzen darüber. Carolin schluckte. Damit war ja wohl
alles klar.
|
| *** |
|
Abends
als sie im Dunkeln lagen, fragte sie "Du, Carola, bist Du noch wach?"
"Hmm", kam die verschlafende Antwort von der anderen Seite des Zimmers.
Carolin schwieg eine Weile. Dann räusperte sie sich. Wenn Carola
ihr Gesicht nicht sehen konnte, war es einfacher. "Es stört mich
nicht, daß Du, also daß ihr, naja... also Du weißt schon... daß
ihr jetzt miteinander geht". Keine Antwort. Sie hätte auch mit einer
Wand reden können. "Naja, ich wollte Dir das nur sagen", plapperte
sie weiter, "damit Du weißt, daß ich Dir nicht böse bin. Eigentlich
bin ich sowieso nicht mehr verknallt in Ferdinand. Jungs in dem
Alter sind einfach noch viel zu unreif... Während Du weg warst,
habe ich nämlich auch jemanden kennengelernt, mußt Du wissen..."
"Ach?" murmelte Carola nur. Carolin war nicht sicher, daß sie überhaupt
zugehört hatte. Carolin schloß die Augen und spürte, wie ihr eine
leichte Hitze in die Wangen stieg, als sie weiterredete. "Er ist
schon fast 30 - und verheiratet. Wir können uns nur heimlich treffen,
weißt Du. Wenn seine Frau jemals etwas davon erfährt... Und er sieht
echt toll aus, fast ein wenig wie Leo..." Carolin wußte selbst nicht
so recht, weshalb sie ihrer Schwester diesen Quatsch erzählte. Vielleicht
hoffte sie verzweifelt, Carola könnte einfach anfangen zu kichern
und dann würden sie gemeinsam so lange lachen, bis ihnen ihre Bäuche
weh taten. Und danach wäre alles wieder so wie früher und diese
Mauer zwischen ihnen, wäre verschwunden. Carola würde ihr ausführlich
alles über die Sache mit Ferdinand erzählen und zum Schluß würde
Carolin es ihr dann vielleicht tatsächlich verzeihen... Aber Carola
lachte nicht, sie sagte überhaupt nichts. Das trieb Carolin dazu
ihre Geschichte noch ein wenig weiterzuspinnen und dem ganzen die
Krone aufzusetzen: "Und: Ich bin schwanger!" platzte sie heraus.
"Ich habe meine Tage nicht bekommen und mir ist jeden Morgen übel.
Simon, so heißt er, weiß noch nichts davon..." "Was hast Du eben
gesagt?! fragte Carola, deren Stimme klang, als wäre sie gerade
eben mit den Gedanken weit weg gewesen. "Ach, eigentlich gar nichts..."
murmelte Carolin, mit einmal peinlich berührt. Carola lachte unsicher:
"Nun ja, ich habe verstanden, daß Du gesagt hast, daß Du schwanger
wärst..." "So ein Quatsch!" erwiderte Carolin im Brustton der Überzeugung
und vergrub ihr Gesicht ins Kissen. Sie hatte das Gefühl alles nur
noch verschlimmert zu haben.
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| *** |
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Carolin
stand auf einer einförmigen grauen Ebene. Überall rings um sie herum,
wallte dichter weißgrauer Nebel, Ein trostloser und bedrückender
Ort... Ein Stück voraus erspähte sie ihre Schwester. Angst ergriff
sie plötzlich, daß sie alleine hier zurückbleiben könnte. "Hey,
Carola bleib´ stehen, warte doch auf mich!" schrie sie, aber es
schien als würde der Nebel auch ihre Stimme zu nicht mehr als einem
Flüstern dämpfen. Carola ging einfach zielstrebig weiter. Carolin
begann zu laufen, aber es gelang ihr nicht, ihre Schwester einzuholen.
Der Abstand zwischen ihnen schien überhaupt nicht geringer zu werden.
Und mit einmal vernahm sie Stimmen, die aus dem Nebel kamen. Stimmen,
die den Namen ihrer Schwester riefen: "Carola, komm! Du bist eine
von uns! Du gehörst zu uns!" Sie glaubte in Carolas Nähe verzerrte
Schemen ausmachen zu können, die begierig ihre Hände nach ihrer
Schwester ausstreckten. "Nein, Carola, nein!" brüllte sie keuchend.
"Du darfst nicht auf sie hören! Du gehörst zu mir, Du bist meine
Schwester... Lasse mich nicht alleine!" Dieses Mal schien Carola
ihre Stimme vernommen zu haben, denn sie wandte sich nach ihr um.
Ihr Gesicht war blaß und der Ausdruck darauf wirkte gehetzt. Unentschlossen
blickte sie abwechselnd zu Carolin und nach dort, woher die Stimmen
sie noch immer riefen. Dann machte sie einen unsicheren Schritt
in Carolins Richtung. Doch in jenem Augenblick klang aus dem Nebel
mit einmal Ferdinands Stimme. "Habe keine Angst, Carola!" Dann zeichnete
sich in dem Nebel eine große breitschultrige Gestalt ab, die Carola
ihre Hand hinhielt. Ein letztes Mal wandte sich Carola zu ihrer
Schwester um und in ihren Augen lag ein endgültiger Ausdruck, dann
ergriff sie Ferdinands Hand - falls es Ferdinand war - und wurde
von ihm in den Nebel hineingezogen, wurde zu einem Schemen und verschwand
darin. Carolin blieb ganz alleine zurück. Dann fiel die Einsamkeit
über sie her, wie ein großes hungriges Tier. Sie begann in namenlosem
Schmerz zu schreien...
Carolin erwachte schweißgebadet, doch das Gefühl der Einsamkeit
war geblieben und jagte ihr einen Schauder über den Rücken. "Carola?"
flüsterte sie heiser. Dann wiederholte sie den Namen ihrer Schwester
lauter. Sie wollte einfach nur deren Stimme hören, wollte wissen,
daß das alles wirklich nur ein Traum gewesen war. Als Carola nicht
antwortete stand sie auf und schlich zu ihrem Bett hinüber, um sie
schlafen zu sehen und ihr Haar und ihr Gesicht zu berühren, sie
tief und friedlich atmen zu hören und einfach ihre Gegenwart zu
spüren.
Doch das Bett war leer. Diese Erkenntnis traf Carolin wie eine eisige
Faust in die Magengrube und sie ließ sich auf das Bett ihrer Schwester
fallen. Die Laken fühlten sich kalt an. Carolin ließ ihren Blick
im Zimmer umherschweifen und bemerkte dabei, daß das Fenster weit
offen stand. Sie ging hin und starrte hinaus in die Nacht, wo sich
nichts bewegte. Nachdem sie einige Minuten so dort gestanden hatte,
erhob sie sich, ging zurück zum Bett ihrer Schwester und kuschelte
sich hinein. Einige Zeit später war sie wieder eingeschlafen.
|
| |
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| *** |
|
Als
Carolin am nächsten Morgen erwachte, war sie zunächst verwirrt,
sich nicht im eigenen Bett wiederzufinden. Dann kam die Erinnerung
mit Wucht zurück und sie setzte sich auf. Carola war nicht da. Wohin
war sie gegangen? Was sollte Carolin bloß ihrer Mutter erzählen?!
Sie war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite wollte sie ihre
Schwester nicht einfach verpetzen - aber was, wenn ihr etwas zugestoßen
war? Jetzt, im hellen Licht der Sonne, das durch das Fenster hineinschien,
kam ihr ihre nächtliche Panik ein wenig lächerlich vor. Vielleicht
hatte Carola sich heimlich mit Ferdinand getroffen... Obwohl sie
bei dem Gedanken wieder den Stachel der Eifersucht spürte, wußte
ein Teil von ihr, daß das nicht alles war, nicht das ganze Geheimnis.
Ihr Traum fiel ihr wieder ein. Natürlich war das wahrscheinlich
nur ein Sinnbild dafür, wie sie sich voneinander entfernt hatten,
aber die Erinnerung bestärkte sie in dem Gefühl, daß irgend etwas
ganz und gar nicht stimmte mit ihrer Schwester. Sie erinnerte sich
daran, einmal irgendwo gehört zu haben, daß Zwillinge eine Art übernatürlicher
Verbindung hätten und spüren würden, wenn dem anderen etwas zustieß.
Schweren Herzens stieg Carolin die Treppe hinunter. Da vernahm sie
mit einmal die Stimme ihrer Schwester und als sie in die Küche trat,
sah sie, daß Carola bereits am Frühstückstisch saß und sich mit
ihrer Mutter unterhielt. Als Carolin eintrat, senkte Carola den
Blick und tat so als wäre sie intensiv damit beschäftigt, Butter
und Honig auf ihrem Brot zu verteilen. Im ersten Augenblick starrte
Carolin sie an wie ein Gespenst, dann tat sie jedoch, als wäre weiter
nicht geschehen und setzte sich an den Tisch, wobei sie Carola aber
weiterhin nicht aus den Augen ließ. Ihre Mutter blickte etwas verstört
zwischen ihren beiden Töchtern hin und her.
Das Frühstück verlief in einem recht ungemütlichen Schweigen, das
ihre Mutter schließlich unterbrach als sie fragte: "Oh, die Marmelade
ist alle. Würdest Du ein neues Glas aus dem Keller holen, Carola?"
Carola nickte und schien fast erleichtert zu sein, aufstehen zu
können. "Was ist denn los mit Euch beiden, Carolin? Habt ihr euch
etwa gestritten?" wollte die Mutter gerade wissen, als sie plötzlich
einen lauten Schrei aus dem Keller hörten, gefolgt von einem Aufprall
und dem Klirren von Glas. "Oh, Du meine Güte! Carola, ist Dir was
passiert?" Die Mutter preßte erschrocken ihre Hand auf den Mund.
Carolin war bereits aufgesprungen und zur Kellertür gelaufen und
ihre Mutter folgte ihr.
Carola saß mit leichenblassem Gesicht auf der Kellertreppe und zitterte
unkontrolliert, wirkte ansonsten aber unverletzt, was ihre Mutter
zu einem Seufzer der Erleichterung veranlaßte und auch Carolin atmete
auf. "Was ist denn passiert, Kind? Fehlt Dir auch nichts?" fragte
ihre Mutter nichts desto trotz besorgt. "Atterkopp, ich habe sie
gesehen!" flüsterte Carola mit abwesendem Blick. "Was sagst Du da
Mädchen? Geht es Dir nicht gut?" Carola brach in ein beinahe hysterisches
Gelächter aus, das sich mit Schluchzen vermischte. "Ich werde einen
Arzt rufen...", murmelte Carolas und Carolins Mutter beunruhigt.
"Nein, nein, Mama... Schon gut, das ist wirklich nicht notwendig.
Mir geht es schon wieder besser - es war nur der Kreislauf und dann
bin ich gestürzt. Aber mir ist dabei wirklich nichts passiert, ich
habe mich nur ziemlich erschrocken". "Wenn Du meinst, Kind..." erwiderte
ihre Mutter zögernd und mit zweifelndem Blick. Dann setzte sie in
festerem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, jedoch hinzu:
"Aber Du wirst heute zu Hause bleiben und Dich ausruhen. Ich will
nicht, daß Du in der Schule noch umkippst, wenn Du Probleme mit
dem Kreislauf hast. Du siehst wirklich nicht gut aus. Lege Dich
besser ein Weilchen hin, ich bringe Dir dann Dein Frühstück". Carola
verzog zwar ein wenig ihr Gesicht, aber als sie aufstand schwankte
sie und mußte von ihrer Mutter gestützt werden.
Carolin blieb hinter den beiden zurück und schaute sich nachdenklich
um. Sie kannte den Namen, den Carola geflüstert hatte. Als sie beide
noch kleiner gewesen waren, hatten sie geglaubt, daß sich im Keller
ein schreckliches Monster verbergen würde und waren niemals alleine
hinunter gestiegen. "Atterkopp" (so hatten sie die Kreatur genannt,
obwohl sie natürlich deren richtigen Namen nicht kannten. Aber "Atterkopp"
paßte einfach zu so einer abscheulichen Monstrosität, fanden sie)
ähnelte in ihrer Phantasie einer riesigen Spinne (sie ekelten sich
beide furchtbar vor Spinnen) mit unheimlich vielen haarigen Beinen
und rotglühenden Augen, die Mutter aller kleinen Spinnen, die im
Keller lebten.
Plötzlich fiel Carolin ein Gegenstand auf, der auf der Treppe zwischen
den Scherben lag. Sie bückte sich und hob den Muschelanhänger auf,
den ihre Schwester seit der Klassenfahrt trug - das Geschenk von
Ferdinand. Das Lederband war gerissen. In Carolins Kopf reifte ein
Plan...
|
| *** |
|
Carolin
sah Ferdinand vor dem Schulgebäude warten und sich suchend umschauen,
obwohl die Stunde schon begonnen hatte. Wegen des Vorfalls mit Carola
war sie heute spät dran. Sie tastete noch einmal nach dem Anhänger,
der nun um ihren Hals hing, dann lief sie entschlossen auf Ferdinand
zu. Dieser rührte sich nicht als er sie kommen sah, aber als sie
ihm dann freudestrahlend um den Hals fiel, spürte sie wie er sich
versteifte. Er schob sie auf Armlänge von sich und runzelte die
Stirn: "Was soll das? Wo ist Carola?" Carolin spürte wie ihr das
Herz in die Hose rutschte. Sie spielte mit dem Muschelanhänger.
"Aber ich bin es doch, Liebster, erkennst Du mich denn nicht?" Für
einen Augenblick starrte Ferdinand sie fast betroffen an und seine
Augen klebten an dem Anhänger, an dem sie nervös herumfingerte.
Doch dann schüttelte er den Kopf. "Nein, Du bist nicht Carola."
In seiner Stimme klang kein Vorwurf mit, es war einfach nur eine
Feststellung. Carolin wäre vor Scham jedoch am liebsten im Boden
versunken. Woran hatte Ferdinand sie erkannt? "Was ist mit Carola?"
fragte Ferdinand und seine Stimme klang aufrichtig besorgt. "Ach,
hmm, sie hat ihre Tage gekriegt. Geht ihr nicht so besonders", murmelte
Carolin verlegen. Sie hatte nicht vor, Ferdinand zu erzählen, was
wirklich vorgefallen war und wenn es um die weibliche Menstruation
ging, fragten die meisten Jungs nicht weiter nach. "Oh. Hmm. Naja",
brummelte Ferdinand auch nur. "Wir sollten jetzt wohl auch langsam
in die Klasse gehen, der Unterricht hat schon lange angefangen".
Er ging mit langen Schritten voraus. Carolin folgte ihm langsamer,
während sie sich mit zittrigen Fingern bemühte, das Lederband mit
dem Muschelanhänger aufzuknoten, wobei sich eine Strähne ihres Haares
darin verfing und der Schmerz ihr die Tränen in die Augen trieb.
Endlich hatte sie es geschafft, schob die Muschel in die Tasche
ihrer Jeans und stolperte hastig hinter Ferdinand her. Als sie das
Klassenzimmer betraten, wandten sich ihnen alle Blicke neugierig
zu und Carolin spürte wie sie wieder errötete. Während des ganzen
Tages versuchte sie möglichst nicht in Ferdinands Richtung zu gucken.
Bei dem Gedanken, er könne Carola von dem morgendlichen Vorfall
berichten, hatte sie das Gefühl, als würde sich ihr Magen verknoten,
aber sie brachte es nicht über sich, noch einmal zu ihm hinzugehen
und ihn zu bitten, ihrer Schwester nichts von all dem zu verraten.
|
| *** |
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In
der großen Pause scharrte sich schnell eine Gruppe Mädchen aus ihrer
Klasse um sie, obwohl Carolin eigentlich lieber alleine gewesen
wäre. Sie überschlugen sich alle fast vor Freundlichkeit, aber ihre
Neugier war beinahe greifbar. Carolin konnte sich denken, was sie
vermuteten. Wahrscheinlich dachten sie, die Geschwister hätten sich
wegen Ferdinand in die Haare gekriegt, womit sie ja vielleicht nicht
einmal so falsch lagen. Carolin konnte es ihnen jedenfalls kaum
verdenken. Obwohl das leere Geplapper ihr auf die Nerven ging, stimmte
sie nach kurzem Zögern zu als Franziska sie fragte, ob sie nach
der Schule noch mit ein paar anderen zu ihr kommen wollte; abends
wollten sie ins Kino gehen. Immer noch besser als zu Hause Carola
begegnen zu müssen, nachdem was heute geschehen war. Außerdem sollte
ihre Schwester ruhig merken, daß sie sich auch ohne sie amüsieren
konnte...
Es wurde ein schrecklicher Nachmittag. Carolin war das Gerede ihrer
Klassenkameradinnen noch nie so oberflächlich und bedeutungslos
vorgekommen und sie ertappte sich mehr als einmal dabei, wie sehr
sie sich wünschte, daß Carola dabei gewesen wäre. Dann wäre das
etwas völlig anderes gewesen. Abends sahen sie sich dann "Ein unmögliches
Paar" mit Leonidas William McDowell, der Carolas und ihr Lieblingsschauspieler
war, an, aber es gelang ihr nicht, sich auf den Inhalt der seichten
Liebeskomödie zu konzentrieren. Sie mußte nur immer daran denken,
daß sie eigentlich mit Carola in den Film hatte gehen wollen und
stellte sich vor, ihre Schwester würde nun neben ihr sitzen und
sie würden jedes Mal, wenn ihr Star auftauchte, gemeinsam aufstöhnen
und "Oh, Leo", hauchen und sich danach anblicken und kichern, bis
die Leute in ihrer Nähe ihnen böse Blicke zuwarfen. Und dann würden
sie nur noch lauter lachen...
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| *** |
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Als
Carolin endlich nach Hause kam, sie hatte natürlich nach der Schule
ihrer Mutter angerufen und ihr Bescheid gesagt, lag Carola im Bett,
hatte ihr den Rücken zugewandt und sich schlafend gestellt. Carolin
erkannte jedoch sofort, daß sie nicht wirklich schlief. Wahrscheinlich
wollte sie auf diese Weise nur unangenehmen Fragen über "Atterkopp"
ausweichen. Doch Carolin war das an jenem Abend eigentlich ganz
recht, deshalb ließ sie Carola in Ruhe.
Sie tat jedoch ebenfalls nur so, als wenn sie schlafen würde. Sie
wollte wissen, ob Carola an diesem Abend wieder heimlich verschwinden
würde und hatte dieses Mal vor, ihr zu folgen.
Tatsächlich hörte sie kurze Zeit nachdem sie angefangen hatte, tief
und gleichmäßig zu atmen, wie Carola begann, sich unruhig zu bewegen.
Dann hörte sie das Rascheln von Kleidung und kurz darauf wie das
Tappen von Schritten näher kam. Sie preßte die Augenlider zusammen
und war sich eigentlich sicher, ihre Schwester damit nicht täuschen
zu können. Carola beugte sich über sie und Carolin spürte ihren
warmen Atem im Gesicht. Sie hatte plötzlich ein Kribbeln im Magen,
als wenn sie gleich anfangen müßte zu kichern. Aber gerade noch
rechtzeitig richtete sich Carola wieder auf. Dann hörte Carolin
wie sie das Fenster öffnete. Sie warte noch ein paar Sekunden und
schlug dann die Augen auf. Unter der Bettdecke war sie noch angezogen.
Barfuß, um keine unnötigen Geräusche zu machen (es war ja Sommer
und recht warm) schlüpfte sie durch das Fenster in den Garten. Sie
sah gerade noch wie Carola sich über den niedrigen Zaun schwang
(die Gartenpforte quietschte ganz fürchterlich, weshalb sie kaum
jemals benutzt wurde). Ihr Herz hämmerte laut als sie die Verfolgung
aufnahm, obwohl sie eigentlich nicht einmal wußte, wovor sie sich
genau fürchtete. Schließlich war es doch Carola, die sich nachts
heimlich davonstahl. Sie wurde aber das Gefühl nicht los, Carola
müsse ihre Anwesenheit jeden Augenblick einfach spüren und sich
umdrehen, doch ihre Schwester schien zu sehr in ihre eigenen Gedanken
versunken zu sein. Carolin fand, daß ihr Gesicht angespannt und
unglücklich wirkte. Eine Welle von Mitleid überkam sie. Worin hatte
sich Carola nur verwickeln lassen? Sie glaubte nicht länger, daß
es bei diesen nächtlichen Ausflügen nur um heimliche Treffen mit
Ferdinand ging. Nein, er und seine Freunde taten irgendwas Kriminelles,
vielleicht nahmen sie sogar Drogen.
Plötzlich blieb Carola ohne Vorwarnung stehen, so daß Carolin fast
in sie hineingestolpert wäre. Schnell duckte sie sich in einen Schatten.
Carola blickte zu einem unbewohnt wirkenden Haus hinüber. Es lag
auf ihrem Schulweg, doch Carolin hatte es eigentlich noch nie bewußt
wahrgenommen. Die Farbe des Gebäudes war fast gänzlich abgeblättert
und die Fenster waren mit Brettern vernagelt worden. Der Vorgarten
wirkte völlig verwildert. Carola lief um das Gebäude herum und verschwand
dahinter und damit aus dem Gesichtsfeld Carolins, die ihr nervös
hinterher schlich. Als Carolin ankam, fand sie dort noch einen größeren
Garten vor, der ebenso ungepflegt wie der Vorgarten wirkte, aber
menschenleer war. Dafür hatte sie jetzt das Gefühl aus dem Inneren
des Gebäudes gedämpfte Stimmen zu vernehmen. Sie näherte sich einem
der vernagelten Fenster und versuchte durch eine Ritze etwas zu
erkennen.
Da legte sich ihr von hinten plötzlich eine Hand auf die Schulter.
Es fühlte sich an wie eine Knochenhand. Carolin kreischte wie am
Spieß (in irgendeiner Ecke ihres Verstandes, die vor Entsetzen nicht
völlig gelähmt war, registrierte sie fast amüsiert, daß das genau
die Verhaltensweise war, über die sie sich bei irgendwelchen Gruselfilmen
immer fast totlachte). Sie hörte wie die Stimmen in dem Gebäude
verstummten und sich kurz darauf Schritte näherten. Einen Moment
später fand sie sich von einer Gruppe von fünf Leuten umrundet.
Eine der Personen war ihre Schwester und auch Ferdinand und ein
Mädchen aus ihrer Schule, dessen Namen sie nicht kannte, die aber
zu Ferdinands Clique gehörte, waren dabei. Die anderen beiden waren
bereits älter. Die hagere Frau, die sie festhielt, schätzte sie
auf Mitte 30. Weil ihr der Schreck noch ziemlich in den Knochen
saß, brachte sie keinen Laut hervor. Die Fünf musterten sie auf
eine fast feindselige Art, die Carolin beunruhigte. Selbst ihre
Schwester erschien ihr mit einmal wie eine völlig Fremde und sie
war sich nicht sicher, ob Carola ihr helfen würde. Sie schaute dennoch
flehend in das ihr so vertraute Gesicht. "Bitte, laßt mich eine
Weile mit ihr allein", wandte sich Carola an die anderen. "Sie ist
meine Schwester". Alle blickten nun zu der Frau hin, die Carolin
beim Spionieren ertappt hatte. Diese musterte die Zwillinge eine
Weile ausdruckslos, dann nickte sie. Carola zog Carolin, die nach
diesem Schock noch etwas unsicher auf den Beinen war, recht unsanft
hinter sich her, bis sie zu einer morschen und nicht sonderlich
vertrauenserweckend aussehenden Gartenbank kamen, die unter einem
der Bäume stand. Sie ließ sich darauf fallen und zog Carolin mit
sich. "W...w..was tut ihr hier?" fragte Carolin, die nun allmählich
ihre Sprache wiederfand, heiser. Carola seufzte: "Ich glaube es
wird Zeit, daß Du es erfährst". Sie begann zu erzählen.
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| *** |
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Carolin
unterbrach ihren Redefluß irgendwann. "Was soll das?" fragte sie
mit schriller Stimme. "Weshalb tust Du das? Warum erzählst Du mir
solche Märchen? Bist Du vielleicht noch sauer wegen meiner Geschichte
von Simon? Aber das war doch nur ein Scherz - und dies hier ist
ernst! Du willst mich doch nicht wirklich glauben machen, Ferdinand
wäre ein... ein Troll ... und Du seist in Wirklichkeit ein weiblicher
Satyr?" "Es ist wahr", meinte Carola beschwörend. "Bitte Carolin,
Du mußt mir glauben..." "Ich glaube Dir kein Wort! Na gut, Du hattest
Deinen Spaß und jetzt entschuldige mich bitte..." Carolin sprang
auf und rannte tränenblind davon. "Carolin, warte..." hörte sie
Carolas Stimme hinter sich und wäre sie nicht so verstört gewesen,
hätte sie den verzweifelten Unterton bemerkt, so klang diese Stimme
für sie nur höhnisch.
Zu Hause angekommen, zog sie sich ihre Decke über den Kopf und weinte
sich in den Schlaf. Kurze Zeit später hörte sie Carola nachkommen.
"Carolin, bitte lasse uns noch einmal darüber reden..." bat sie
eindringlich, doch Carolin schnauzte nur "Lass mich in Ruhe. Ich
will mich nicht mit Dir unterhalten!"
|
| *** |
|
Der
nächste Tag war ein Samstag und Carola und sie mußten nicht zur
Schule. Carolin ging ihrer Schwester aus dem Weg und redete kein
Wort mit ihr, obwohl diese mehrmals den Versuch machte, ihr etwas
zu sagen.
Beim Abendessen herrschte eine sehr ungemütlich Atmosphäre. Ihr
Vater versuchte mehrmals Scherze zu machen und sie damit aufzuziehen,
ob sie sich wohl wegen einem Jungen in die Wolle gekriegt hätten,
erntete aber nur böse Blicke und gab es schließlich auf. Ihre Mutter
versuchte so zu tun, als sei alles wie immer. "Könnte eine von euch
gekränkten Schönheiten vielleicht mal in den Keller gehen und ihrem
alten Herren ein Glas mit eingelegten Gurken holen?" fragte ihr
Vater schließlich in munterem Plauderton. Für einen Augenblick trafen
sich die Blicke der Schwestern und Carolin sah in Carolas Blick
eine plötzliche Angst aufflackern, die sie erschütterte. "Ich gehe
schon", meldete sie sich und der Ausdruck von Erleichterung auf
Carolas Zügen erschreckte sie fast noch mehr. Als sie einen Augenblick
später die schmale Treppe in den Keller hinunterstieg, der von einer
einzelnen Glühbirne nur unzureichend beleuchtet war, ärgerte sie
sich über sich selbst, daß sie nicht darauf bestanden hatte, daß
Carola ging. Plötzlich hörte sie aus einer Ecke ein unheimliches
Schaben. Sie fuhr herum. Es war nichts zu sehen. Aber was hatte
sie denn erwartet - etwa "Atterkopp"? Trotzdem beeilte sie sich
plötzlich sehr, den dämmrigen Keller wieder zu verlassen und hatte
das Gefühl als würden glühende rote Augen ihr folgen. Sie kam sich
selbst albern vor.
|
| *** |
|
Carolin
lag auf ihrem Bett und versuchte sich auf einen Roman zu konzentrieren.
Sie konnte nebenan im Badezimmer, wo Carola duschte, das Wasser
plätschern hören. Und dann war da plötzlich dieser Schrei... Im
ersten Augenblick konnte sie gar nicht glauben, daß es Carola war
die so geschrien hatte. In diesem Ton schien alles Entsetzen der
Welt mitzuschwingen und er hallte noch lange Zeit später in Carolins
Kopf wieder. Zuerst war sie wie erstarrt und konnte sich nicht rühren,
dann sprang sie auf. Carola hatte die Badezimmertür einen Spalt
offen gelassen, damit der Wasserdampf besser entweichen konnte,
aber nun stand sie sperrangelweit auf und Carolin konnte den verdrehten
Körper ihrer Schwester auf den nassen Fliesen liegen sehen. "Carola?"
flüsterte sie. Ihre Zwillingsschwester rührte sich nicht und Carolin
trat ein Stück näher. Äußerlich wirkte Carola völlig unversehrt
auch wenn ihre Gesichtsausdruck in einem Spiegelbild des Grauens
erstarrt war.
|
| *** |
|
Die
Ärzte konnten nichts feststellen und sagten später, es wäre ein
Nervenzusammenbruch gewesen. Als Carolin, in der Hoffnung es könnte
irgendwie hilfreich sein, die Geschichte wiederholte, die Carola
ihr erzählt hatte, hatten ihre Eltern bestürzte Blicke ausgetauscht.
Nur die Sache mit "Atterkopp" hatte Carolin verschwiegen. Bevor
sie ins Krankenhaus gefahren waren, hatte sie gesehen, daß die Kellertür
nur angelehnt war. Hatte sie versäumt, sie richtig zu schließen?
Nachdem Carola wieder zu Bewußtsein gekommen war, brachte man sie
in eine Nervenklinik. Sie blieb dort fast ein halbes Jahr. Während
dieser Zeit zog Carolin mit ihren Eltern aus der Stadt in ein kleines
Dorf. Die Eltern der beiden Mädchen dachten, diese neue Umgebung
würde Carola nach ihrer Heimkehr helfen, sich zu erholen, außerdem
befürchteten sie wohl, Carola könne wieder mit ihren alten Freunden
in Kontakt kommen. Ferdinand lief wenige Tage nachdem sich Carolins
Eltern mit seiner Mutter in Verbindung gesetzt hatten, von zu Hause
fort und tauchte nicht wieder auf. Als Carola zurückkam, war sie
völlig verändert. Die neue Carola war still und ernst und schien
für nichts wirklich viel Interesse aufzubringen. Kurz nach ihrer
Rückkehr entfernte sie das Poster von "Leo" McDowell, das vorher
über ihrem Bett gehangen hatte und warf es in den Müll. Carolin
lernte kurze Zeit später den älteren Henning kennen und heiratete
ihn mit kaum 18 Jahren.
|
| *** |
|
Im
Fernsehen hatten sie "Ein unmögliches Paar" gezeigt. Carola fand,
daß es ein alberner Film war, aber immer noch besser als das was
sonst um diese nachmittägliche Uhrzeit lief. Sie schaltete auf einen
anderen Kanal, wo jetzt eine Talkshow anfing, aber ihre Gedanken
waren woanders. Wie lange hatte sie nun schon nichts mehr von ihrer
Schwester Carolin gehört? Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie
früher beide den Schauspieler McDowell verehrt hatten. Neulich hatte
sie in einer Illustrierten ein Foto von ihm gesehen und war erschüttert
gewesen, wie alt er ausgesehen hatte. Außerdem war er bereits seit
mehreren Jahren verheiratet. Carola lächelte bedauernd. Plötzlich
bimmelte es mehrmals an der Tür. Wer konnte das sein um diese Zeit?
|
| *** |
|
Die
Tür öffnete sich und Carolin blickte in ihr eigenes Gesicht und
mußte über die Verblüffung darin lachen. "Carolin! Stell Dir nur
vor, ich mußte gerade an dich denken... Ist das nicht ein merkwürdiger
Zufall?" Carolin lächelte geheimnisvoll: "Vielleicht ist es kein
Zufall... Immerhin sind wir Zwillinge. Ich habe hier etwas für Dich.
Vielleicht erinnerst Du Dich ja noch?" Damit drückte sie ihrer überraschten
Schwester den Muschelanhänger in die Hand. Zuerst starrte Carola
nur darauf, als wisse sie nichts damit anzufangen, doch dann stellte
Carolin befriedigt fest, wie es plötzlich in ihren Augen aufleuchtete.
Einen Augenblick schienen die Erinnerungen sie derart zu überwältigen,
daß sie sich am Türrahmen festhalten mußte, dann zuckte es mit einmal
um ihre Mundwinkel. Erst kicherte sie, dann lachte sie immer lauter.
Unter Gelächter brachte sie hervor: "Oh ja, jetzt erinnere ich mich
wieder. An alles". Carolin stimmte in das Lachen ein und für den
Augenblick war es, als wären all die Jahre, die sie getrennt hatten,
nie gewesen.
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(Jana,
Juli 2001)
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Der Hinterhalt
'Ein
Hinterhalt!' zuckte es Frederic durch den Kopf. Im selben Moment
eröffneten die Armbrustschützen aus dem gepanzerten Fahrzeug, das
sich hinter den Passanten versteckt hatte, das Feuer. Die Salve
verfehlten ihn. Aber einer der Bolzen traf sein Pferd. Die edle
Stute wurde tödlich getroffen und Frederic stürzte zu Boden. Als
er auf der Erde aufschlug, rollte er sich sofort ab und schaffte
es, mit seiner gesunden Hand, sein Schwert zu ziehen. Die Jahrhunderte,
die er mit den Waffen trainiert hatte, waren letztlich nicht umsonst
gewesen. So stand er mit dem Schwert in der Hand neben seiner toten
Stute, noch bevor die Schützen nachladen konnten. Selbst nachdem
er vom Pferd geschossen und durch den Dreck gerollt war, war ihm
die Aura der Anmut, die ihn umgab nicht geschwächt; schlank, groß,
stark, attraktiv.
Frederic
wandte sich kurz nach hinten, um nach seiner Begleiterin zu sehen.
Zu seinem Schreck sah er Katharina, seine Gemahlin, am Boden liegen.
Sie blutete. Offensichtlich war sie von einem der Armbrustbolzen
in die Stirn getroffen worden. Ihr Pferd stand noch immer neben
ihr und wieherte nervös. Frederic zögerte keinen Moment. Er sprang,
über sein totes Pferd hinweg, zu Katharina.
"Hurra!
Volltreffer!" ertönten die jubelnden Rufe der Schützen aus dem Wagen.
"Eins A Abgang!" lachte Tom und hieb Dennis mit der flachen Hand
aufmunternd auf die Schulter. "Das saß", stimmte Dennis lachend
zu.
Die
Passanten, die bisher teilnahmslos geblieben waren, starrten in
Richtung Frederic und Katharina.
Diese
kurze Feuerpause war alles was Frederic brauchte: "Bei der Macht
der Träume! Hier stehe ich und werde nicht weichen. Nicht vor diesem
Pöbel, noch vor einem anderen. Alte Eide, alte Kameraden! Kaskada,
ich rufe dich!"
Er umklammerte sein Schwert fest und ließ es über seinem Kopf kreisen.
Während die Schwertspitze einen Kreis in den Himmel zu schneiden
schien, begann sein ganzer Körper in einem sanften, nichtirdisches
Licht zu leuchten.
Die magische Kraft, die von ihm ausging ließ das Lachen der Armbrustschützen
augenblicklich verstummen. Frederic hob seinen Blick und sah in
den Himmel. Die Schützen folgten seinem Blick und ein Schreck fuhr
in ihre Glieder.
Kaskada
hatte den Ruf selbst im Schlaf vernommen. Müde hatte er seine Schwingen
entfaltet und sich auf den Weg gemacht. Als er durch die Wolken,
abwärts, stieß, sah er seinen alten Verbündeten, Baron Frederic
von der Taufe ap Balor in einem Gefecht verwickelt. Kaskada setze
zum Sturzflug an und senkte drohend seinen Kopf.
"Scheiße
ein Drache" zischte Marisa und ließ die Armbrust sinken. Dann schrie
Dennis: "Nix wie weg hier!" Tom sprang in den Font des Gefährts
und startete. Der Wagen verließ seinen Parkplatz und reihte sich
zügig, aber unauffällig, in den Verkehr ein.
Die
Passanten sahen Frederic irritiert an und schüttelten den Kopf.
Eine ältere Frau ging zur nächsten öffentlichen Telefonzelle und
rief die Polizei.
"Nun
noch mal ganz langsam von vorne. Sie sind von ihrem Fahrrad gestürzt,
oder?" sagte Dr. Stein. "Was wollten sie denn mit der Luftpumpe
anstellen?" Aufmunternd nickte er Frederic zu. Nachdem Frederic
nicht antwortete fuhr der Arzt fort. "Sie hatten doch nicht vor
ihre Begleiterin damit zu attackieren oder?" Erneut lief ein kalter
Schauer durch Frederic, aber er schwieg weiter. "Nun ich glaube
sie beleiben am besten erst einmal zur Beobachtung hier" sagte der
Arzt. "Ich schau dann später noch mal rein." Dr. Stein verließ das
Krankenzimmer und ging zu seiner anderen Patientin, die komatös
im angrenzenden Zimmer lag.
(Ninchen,
April 2001)
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Ein gelungener Auftritt
Draußen
tobte das Publikum und schrie nach Zugabe. "Was für ein Abend!",
sagte Ricky und klatscht begeistert in die Hände. "Yeah, Mann, das
rockt!", stimmte Petzi zu, "wir waren gut! Richtig gut!". Und auch
Torben, gennant 'Duffy' war der selben Meinung: "Yoh, wir waren
nahezu göttlich heute Nacht. Da kommt niemand ran - nichts und niemand.
Gratulation allerseits!" Mighty-Mike mußte dem widersprechen: "'Göttlich'?
Ich glaube, der hätte mit uns heute Nacht nicht mithalten können,
Kinders." Aufgeputscht lachten sie wild durcheinander. Ricky trommelte
mit seinen Drumssticks einen Tusch auf dem Glastisch. Und Petzi
und Duffy salutierten mit ihre Gitarren ihrem Sänger und Frontman
zustimmend.
Ricky (dru): "Absolut richtig, Mike."
Petzi (bas): "Ja, nur Mike kann es 'so' auf den Punkt bringen."
Ricky (dru): "Deshalb ist er ja auch der Sänger."
Petzi (bas): "Der Poet! Unter uns."
Duffy (git): "Der Künstler unter uns Handwerkern."
Ricky (dru): "Ist er nicht dieser Gott von dem alle reden?"
Petzi (bas): "Ja, er ist es. Und wir sind nur seine unwürdigen Würmer,
sein Gezücht."
Duffy (git): "Gepriesen sei der einzig und wahre Mighty Mike."
"Ihr
seid ein Haufen Spinner, so hab ich das doch gar nicht gemeint,"
versuchte Mike runterzuspielen und merkte, wie er langsam sauer
wurde. "Wenigstens hab' ich keine Probleme meine Gitarre zu stimmen
und mir fallen auch nicht immer die Sticks aus den Händen. Soviel
zum Thema Handwerker. 'Die' verstehen ihren Job wenigstens."
Ricky (dru): "Hört, hört!"
Petzi (bas): "Na, so unrecht hat seine Herrlichkeit da ja nicht"
und lacht.
Ricky (dru): "Was willst du denn, du kannst doch nicht mal deinen
Bass ohne Duffy stimmen."
Duffy (git): "Kann sie schon. Klinkt dann nur für den Arsch."
Petzi (bas): "Achja?"
Duffy (git): "Achja!"
MMike (voc): "Kinders!"
Petzi (bas): "Was weißt du denn!"
Duffy (git): "Na?"
Eine
kurze Pause. Im Hintergrund waren immer noch die Sprechchöre nach
'Zugabe' zu hören.
Ricky (dru): "Ihr könnt mich mal, dann trommel ich halt bei den
'Savages'."
Petzi (bas): "Wenn die dich mal nehmen? Ihr seid doch alles ein
Haufen Penner!"
MMike (voc): "In Zukunft mache ich mein Ding alleine und werde lieber
Bücher schreiben."
Duffy (git): "Lern erstmal lesen!"
In
den Backstage-Room trat Brigitta, die Veranstalterin und Managerin:
"Das war echt stark. Die Menge tobt immer noch. Und da draußen sind
ein paar Leute von der Presse, die wollen unbedingt ein Interview."
Sie lächelte, " die sind hin und weg... wegen des genialen Auftritts...
was sagt ihr?"
MMike (voc): "Verpiß dich!"
Duffy (git): "Verpiß dich!"
Ricky (dru): "Verpiß dich!"
Petzi (bas): "Verpiß dich!"
(Ninchen,
Mai 2001)
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High Tea
'Georgia'
schloß die gedämmte Doppeltüre. Es war nicht einfach gewesen, diese
esquisite Gesellschaft zu initieren. Doch nun waren sie komplett
und endlich unter sich. Selbst die störenden Geräusche von draußen
waren jetzt ausgesperrt. Und, weitaus wichtiger, keine Informationen
würden nach außen dringen.
Gemächlich, fast schwebend, ging 'Georgia' zu den anderen. Dabei
raffte sie ihren durchlöcherten Rock, um bequemer und schneller
zu den anderen zu gelangen. Schließlich wartenden sie schon eine
Zeit lang.
An
einem großen Tisch in der Mitte des abgedunkelten Zimmers saßen
die schwindsüchtig aussehende 'Trisstess', gekleidet in einem zerlumpten
Gewand, das wohl aus dem Mittelalter stammte. Neben ihr saß 'Klein-Od',
sie trug eine altertümliche Robe, die ihren hageren Körper verbarg
und sie fast pummelig wirken ließ. Daneben, der nahezu zerbrechlich
wirkende 'Lange-Fred', er liebte es eher modern und trug einen Anzug
aus den 20er Jahren und seine Gamaschen-Schuhe. In seiner rechten
Hand hielt er eine schwere Kette und an ihr hing ein fast fast durchscheinendes,
verfaultes menschliches Wesen.
Die
Fenster waren mittels schwerer, mottenzerfressener Vorhänge verhangen
und die ganze Szene wurde nur durch die brennenden Wachskerzen erhellt,
die neben dem viktorianischen Geschirr auf dem Tisch standen. 'Georgia'
sog kurz die Luft ein und ließ den modrigen Geruch des Tees auf
sich wirken. Vom Tisch zischte der 'Lange-Fred' kaum hörbar: "Was
ist eigentlich mit 'Byte'? Kommt sie heute auch vorbei?", dabei
schob er seinen verbeulten Zylinder zurecht, von dem sich gerade
eine Spinne abseilte. 'Klein-Od' mußte lautlos lachen und entblößte
dabei ihr zahnloses Gebiß und flüsterte: "Wie ich sie kenne, ist
sie bereits da." Und an 'Georgia' gewandt: "Stimmt's, 'Georgia'?"
Georgia seufzte ohne einen Laut, rückte ihre Hornnickelbrille zu
Recht, dann hauchte sie: "Ach ja, fast hätte ich es vergessen."
'Georgia' ging zu der Anrichte, die an der Wand stand, nahm den
Laptop und stellte ihn neben sich auf den Tisch. Sie klappte den
Bildschirm auf und bootete den Rechner. Den Lärm, den der Computer
verursachte, schien die Anwesenden mehr als nur zu stören; nervös
zupfte 'Trisstess' an den Spitzen ihrer Bluse. Dann war der Computer
endlich hoch gefahren. Und der Bildschirm zeigte eine große, schwarze
Ameise auf einem grau-schattiertem Hintergrund und die digitalisierte
Stimme von 'Byte' meldete sich: "Guter Verbindung. Hallo zusammen".
'Georgia'
nahm Platz und flüsterte: "Dann wären wir wohl komplett. Möchte
noch jemand einen Schuß saure Milch in den Tee?" Trisstess nickte
schweigend, während sie an ihrem verschimmelten Käsesahnekuchen
mit Kakerlakenkruste lutschte, und so fuhr 'Georgia' fort: "Willkommen
meine lieben Schwestern und Brüder. Ich freue mich, daß ihr alle
kommen konntet. Was gibt's denn neues?"
Und dabei sahen alle Anwesenden interessiert zum 'Langen-Fred' und
seinem toten, höflich lächelnden Begleiter.
(Ninchen,
Mai 2001)
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Im Park
Die
zwei alten Männer saßen auf der Parkbank. Warm brannten
die Strahlen der Sonne auf ihrer faltigen Haut. Die Zeitung, die
der eine von ihnen in den Händen hielt, flatterte leicht im Wind.
Der andere hatte seine Hände auf seinen Spazierstock gelegt und
atmete entspannt. Zu ihren Füßen, im Schatten unter der Bank, lagen
ein junger Hund. Er hatte die Vorderpfoten übereinander geschlagen
und hielt die Augen geschlossen während seine Ohren aufmerksam jedem
Geräusch folgten. Auf dem Weg vor der Parkbank stolzierte eine Taube,
die die letzen runtergefallen Krümel aufpickte.
"Du
glaubst nicht was mir gestern passiert ist", sagte Fred leise. Tom
sah gespannt rüber. Und Fred fuhr fort: "Du kennst doch diese kleine
Anhöhe, hinten im Park, dort wo die vielen Büsche sind, noch vor
den Bäumen". Klar kannte Tom die Anhöhe, aber anstatt Fred zu antworten
dachte er nur, "warum muss dieser Kerl auch immer so umständlich
erzählen" und sah Fred fragend an. Doch der redete munter weiter.
"Ich war gestern wieder da..." - er machte eine dramatisch lange
Pause - "um Mitternacht!" Als von Tom keine Reaktion kam, sprach
er weiter "Du weißt doch was das für eine besondere Nacht war, oder?
Die Nacht von gestern auf heute, weißt schon, oder." Natürlich wusste
er es - es war Walpurgisnacht gewesen. Aber Fred redet schon wieder
"Die mystische Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, wenn die Hexen
in den Bergen feiern ..." - Pause - "und auf Hügeln".
Jetzt ist es also raus, dachte Tom und seine Neugier war erwacht.
Fred flüsterte weiter: "Erst dachte ich da hätte sich nur ein Jogger
verlaufen, aber dann als ich näher kam, sah ich, dass auf dem Hügel
mehrere Personen standen. Ich schlich ich mich näher und versteckte
mich hinter einem Baum. Von meinem Standort aus konnte ich die Personen
dann genauer betrachten. Es waren 7 Frauen. Unterschiedlichen Alters.
Die jüngste war so um die 20 vielleicht und die älteste 72."
Diesmal unterbrach Tom die Pause "72? Woher weißt du das so genau?"
"Weil ich sie kenne! Und du auch! Es war die Alte, die die Tauben
füttert. Die von drüben, aus dem 3. Stock." Tom staunte ungläubig.
"Und alle wie sie da standen, hielten sich an den Händen und sangen
irgendeine rhythmische Weise. Echt unheimlich ich sag dir das. Es
kommt aber noch schlimmer." Tom erschauerte leicht und Fred erzählte
weiter, "offensichtlich waren sie am Ende irgendeiner ominösen Zeremonie
angelangt, denn kurz drauf verstummten der Gesang. Sie ließen ihre
Hände los und verabschiedeten sich voneinander. Nachdem sie sich
zum Abschied gegenseitig je sieben mal auf die Wangen geküsst hatten."
- Kurze Pause - "Dann gingen sie in 7 verschiedene Richtungen auseinander.
Eine von ihnen kam direkt an meinem Versteck vorbei..." - eine etwas
längere Pause - "... aber sie bemerkte mich nicht. Als sie alle
weg waren, ging ich rüber zu dem Platz. Ich weiß auch nicht was
mich da geritten hat. Was soll ich dir sagen, sie hatten etwas vergessen.
Du wirst nicht erraten was."
Tom rutschte aufgeregt hin und her "Nee, was denn? Was hatten sie
vergessen?" "Nun, als ich auf dem Platz stand, konnte ich erkennen,
dass sie irgendetwas in der Erde vergraben haben. Nur oberflächlich
versteckt, doch gut genug damit es einem nicht gleich auffällt.
Also, fange ich vorsichtig an mit meinen Händen das Erdreich beiseite
zu schaufeln. Und dann ertasten meine Hände etwas hartes, längliches
und ich zieh es raus. Ich halte es in das Mondlicht, um zu erkennen
was es ist." - Pause -
"Was! Was ist es!" "Knochen! Es waren menschliche Knochen! Von einem
Unterarm," sagte Fred. Tom atmete zischend aus, als erneut ein kalter
Schauer über seinen Rücken lief. Fred setzte nach: "Knochen von
dem Arm, auf den ich dich genommen habe."
Fred verzog seinen Schnabel zu einem Grinsen, breitete die Flügel
aus und stieß sich ab. Tom sprang lachend auf die Pfoten und bellte
vor Vergnügen.
Da
erwachten die beiden Alten aus ihrem Schlummer. "Oh, schon so spät"
stellte der eine von ihnen fest, als er auf seine Armbanduhr sah.
"Wir müssen uns beeilen, sonst kommen wir zu spät. Hätten wir zwei
doch glatt das Abendessen verschlafen." Die beiden Greise erhoben
sich langsam von der Bank und schlenderten dem Altenheim entgegen.
(Freggel
& Ninchen, Mai 2001)
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